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Full text of "Die Selbstbekenntnisse Schillers: Vortrag gehalten in der Rose zu Jena am 4. März 1857"

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YE"T, &£R. W B.lhf 






^ 



Sie 



eeinpefenittitiffe ^tl^lllti^. 




gel^alten in ber 9iofe ju 3^na 

am 4. 9)l5ri 1857. 



Soll 



Dr. tnno Stfi^et; 

«rbetitt. 9ff. $rof. fter $^<Iof. an t«r ®efammtuni»er1itAt ^u 3ena. 



« 

3o6. C^^rifi. ^ermann*f(^er Verlag. 



9* <E* 6it49(aii^* 
1858. 



(• 




Jkeit iatjs^Men lühtit 



bei 



grau ®roper3(iöiii=®roPrj}üi 



gettibmet 



toon 



htm iJttfafftt. 



\J^7-. erۧ . Vi' 2> 16^ 




3u meinet eigenen SBerul^igung mu§ i^ mir 
felbjl einige einfü^renbe SBorte öorauSfci^icfen , ba ic^ 
|)eute jum Srjlenmal biefen Pa^ Betrete, toü^tx bem 
giebenben bie beneibenätoert^e Slufgabe jieltt, eine 
fol^e erttjdl^lte SBerfammlung einige S^itl^ttg ju un* 
ter^alten. ®o öiel i^ fe^e, gel)ört baju jttjeierlei: 
einmal ein gen)ifl'e8 Vertrauen S^rerfeitS, ttjorauf ein 
üle^t fx6) nur erttjerben läßt inxS) längereg Setannt* 
fein, unb öon ber Seite beä SRebenben eine gen)ijfe 
Äunji, beren man ^err fein mu§, 3^ hin, 'offen 
gepanben, über ben erjien {punit ni^t fo beforgt, 
als über ben jtDeiten. ^abe i^ noc^ ni(i^t baS Olütf, 
anter 3^^^^ g^^ä ein|)eimi[(^ ju fein, fo ^abe i^ 
1)0^ ben SBunf^ unb bie fro^e Slu8|t(^t eä ju h)er^ 
ien, unb fo barf i(^ ^offen, ba§ ®ie mir ^cute jenes 
Stecht, tt)el(|e8 ic^ nocf) nici^t befi^, vorläufig ge^ 



»d^ten. aSa? aber ik Äunfi betrifft J)ie 3^re Un* 
tet^altung etfotbett, fo fü^le ic^ tool^I, ba^ t(| btcfer 
SBebingung n)emg gerecht bin, benn bie ®eflen(ldttbe^ 
ipotl^t iä) öffentlich le^te, jinb m6)t eben fleeignet. 
jtc^ in Untet^altunggobjecte öertoanbeln ju laffen, 
nnb ic^ felbfi toerbe nic^t gefc^idt genug fein, ben 
lel^renben Jon mit bem unteri^ialtenben ju öertaufi^en 
ober, tt)a8 baS Sejte tofire, beibe ju vereinigen. SBenn 
iä) es hmno^ t^erfu^e, fo bitte x^ ernfll^aft um Sl^re 

3c^ ^abe mir meine ^Aufgabe babur^ erlei^rt, 
ba§ i^ einen ©egenflanb ge»dp i^abe, ber bie Z^tiU 
ua^mt SlUer befi^t, bie ^^^t unb auSnal^mSIofe, 
bie nur SBenigen ^ufdUt, unb ber inäbefonbere unfc* 
rem 3ena na][)eflel^t, benn ber aKann^ von bem id^ 
teben »iü, ^at ben Sflul^m feines 3lamen8 biefet 
@tabt mitget^eilt, bie fo glü(fli(^ toar, il^n tod^renb 
eines Sal^^Tje'^ntea t)en irrigen ju nennen, Slber ju* 
gleiii^ erfci^toert jic^ mir bie Slufgabe baburc^, ba§ 
bie ®rö5e beS Objectä tont ba8 Vermögen be8 SDar«' 
jtelfenben überfleigt, bag jid^ ber SReid^t^um beffelbcn 
niii^t umfaffen Id^t mit bem ÜWaöge njeber ber Ärafl 
no(ä^ ber 3^^ toelci^eg n)ir aufbieten fönnen. 3^^* 
beffen befreit mic^ öon allen biefen Sebenfen ber ®e* 



8 

banfe an ben ®egenjtanb felbfl! (S8 ifl baS too^U 
tfidtige itnb einige Soned^t be8 ®toBen in ber Seit, 
ba§ man i^m gegenüber ftdfi felbfl t>etgeffen barf unb 
foH. Unb toenn man fi^ t)ergi§t, fo loetgifit man 
au(^ feine ©c^tanlen. (S8 gibt t>ot bem toal^r^afl 
®xo^tn, toenn man ni^t bauen oetni^tet fein toiU, 
nur eine einzige {Rettung : man mu§ ti lieben; man 
mu5 ^ä) t)on i^m ergeben laffen, tocnn man ni^t 
\>ox i^m öerjinfen toiü. Unb i^ toeij, bag biefe 
Siebe im Snii^tjlen jufammen][)dngt mit allem ®uten 
in ber SRenfci^ennatur , bag ieber ol^ne SluSnal^me 
gerabe fo öiel an Äraft unb Sbel verliert, al8 er 
üon biefer pttli^en tjä^igfeit einbüßt. SDenn ®roge8 
lieben ijt auc^ @rö§e. 3^ ^8 iji bie erfle SBebingung, 
um ®ro§e8 ju f^affen. 

Unb ^ier lommt mir öon felbji ber ®egenpanb 
meiner tRebe al8 ba8 fprec^enbpe unb lebenbigfle Sei* 
fpicl entgegen. J)enn e8 gibt Sliemanb, in bem bie 
Siebe jum ®rogen, bie 3?eigung jum (Sri^iaberien 
natürlicher unb thtn it^^ali genialer tt)ar al8 in 
unferm ©(filier! S)iefe ßiebe ^t i^n jum S)i^ter 
gemalt unb ju biefem ^i^kx, ber er toar. 2)er 
3ug mS) ®rö§e ^at i^n gel^oben unb iji in jebem 
feiner SBorte lebenbig gcn)orben, l)enn jebe? trägt 



{' 




Jft»t[ $msti|Mtn iüM 



ber 



Srou ®roperjogtu^®roPrfün 

Maxxa p avolcvona 



getoibmet 



^on 



tftm i}ttfafftv. 



^. I /•> ^' 



V^T. er<^»^' . ^ C 'ü 



6 

7o tt)irb l^iet lei^t bie tJotfleHenbe Jttaft mit bcr 
fonngebenbett in Äampf treten. 3^tte gel^ött bem 
SDic^ter , biefe bem Jtunjilet. SBit feigen einen ilamj)f 
t>ox uns }i9if$en S)i(]fiter unb J(ünjttet in einem 
aWenfii^en: einen ilamipf, toorin feinet öon beiben 
unterliegen barf ; eineS ber gro§artigjten unb ergreifenb* 
jten ©dfyaufpiele beS menfii^H^en ®enie8, »enn beibc 
pegen, inbem jule^t beibe einanber glei(^Iommem 
S)iefe8 ©^aufpiel toiU i^ Sinnen öorffi^ren, toie e8 
©filier in ji^ erlebt unb burii^gelcfmpft l)at, »ie et 
ben S)i^ter in fx^ jum Äünjllet etjogen. 3^ tt)itt 
nid^t fagen, ba§ biefe (Srjielpung eine fänftU^e toax, 
ba§ feine formgebenbe Ätaft getinget getoefen fei al8 
feine bi^tetif(^e- 6ie toaren gleiii^ mdcj^tig unb glei(| 
urfprungU^. 3lber bie lünjtletifi^e mu§te jund^fl 
untet bet bi$tetif(!^en leiben, loeil fie beten unge« 
meffenen "^n^ali ni^t in bie Hate ijorm beS Äunfi*» 
mxU ergeben fonnte. Unb ioä) tDoIIte {tl i^n 
geflatten. Unb bod^ griff fte na^ ber lebenbigflen 
^orm, bie e8 gibt: nad^ ber bramatifi^en. S)er 
SDid^ter lebte in feinen äBorflelfungen, bie er na^ bem 
SDrange feiner Statur in8 ®roge unb Uebermd^ige 
jteigerte, Der Äünjiler tooUtt biefe aSorJlcöungen 
ni^t blo8 au8|)rdgen, fonbern S^araftere barauS 



I5fen. bie )e^t niäfti anbereS toeftben lonnten a\i 
SenridfdUigungeii unb 2)oImeif$ei: beS ^iäjitti. 

2)et jpoetif<^ (SntoidlungSgang Q^iUtxi, ben 
i($ l^iet fi^itbetn roiti, umfa§i eine bet innerUd^ 
bekoegteflen Seiten bet SBettgefi^id^e. @S ifl baS 
Dotierte 2)ecenmum beS ))OYigen Sal^rl^nbett? : bie 
Salute t>oxi ad^tjig ju neunzig» 3^ Anfang be8 
3a^rie]^nie8 erl^ob ftd^ in S)eutf(|ldnb bie fantif^e 
^l^ilofojp^ie, am 6nbe bejfelben begann bie ftan* 
j6fifcj>e 9let)oIution. Diefe .beiben Gegebenheiten 
b^eid^nen genau bie ®Yen}))untte, in)if<!^en benen bie 
))oetif(^e @nttx)i<!Iung9gef^i(i^te @c^iUet8 t>erlauft. di 
finb feine SBanbetiafire, bie bamit anhieben, bag 
et fiielpt, um ein S)ic^teY bleiben unb toerben ju t5n^ 
nen, unb bie bamit enben, bag et na^ k)ielen SebenS« 
jlutmen enblicf^ eint neue ^eimatl^ unb einen eigenen 
^eerb finbet. @t beginnt baS SDecennium alS JtatI8>> 
fd^ület in @tuttgatt unb befc^tie§t eS atö ^tofef* 
fot ju ^tna. 

Untet getoiffen S3ebingungen. bie ni^t in iebem 
3eitaltet jlattfinben, ijl bet ncr^jie unb natütli(i^jle 
©egenjianb ^t ben SRenf^en baS eigene Sefen, 
gtei^ bet ©eftaltungSbtang in bie eigene @eele unb 
fud^t bat}uftellen, toai biefe leibenf^iapd^ beti)egt. 



8 

Unter biefen Sebingungen, »enn Jte jlattpnben, ntuf 
bie ^oeftc, in ml^tx t^otm fte immer l^eröortrete, 
einen confefitoneHen S^arafter annel^men: fte noirb 
il^rer innerjlen Slatur na^ bie ©elbjlojfenbarung, ba* 
@elbjlbe!enntni§ be? S)ic^ter8. ßr \pn^t au8, 
toaS alle betoegten ©emütl^er mit i^m, er am mdd^tig« 
ften empfinbet. ,,Unb wenn ber üWenfd^ in feiner 
Dual öerflummt, gab i^m ein (Sott ju fagen, toie 
er leibet." S)i{fer confefitoneHe ©^arafter ijl ber 
Di^tung ni^t jufdüig, fonbem bebingt bur^ bie 
ganje ®emütf)8üerfaflfung eine? B^it^K^i^ä. Unb 
gerabe für bie Slnfänge ber neueren ^Poefie ifl bicfer 
®|>ara!ter bur^au? bejeic^nenb, 'burd^au? unterfd^ei* 
benb. S)a8 bi^terif^e ®elb|lbefenntni§ ijl jum Se* 
burfhi^, jur unh)iber|le]^lid^en SWotl^hjenbigfeit getoor* 
ben, unb biefem 2:riebe ge^orc^t bie 5Poejte: fie fpielt 
gleid^fam au8 biefem It)rif<i^en ©runbton. Um bie 
fo geftimmte $oejte ju öerflel^en, mu§ man genau 
vertraut fein mit ber ® emüt^SIage beS 3)i^ter8 , mit 
ber Smipfinbung8h)eife, bie i^r ju Orunbe liegt. 
S)a8 ijl ber einjig jutreffenbe @ejid^t8j)un!t, biefe 
S)ic^tungen ju erüdren; er ifl mt^x ipft)^oIogifi^ atö 
äfl][)etif4i, er betrautet imS)i$ter mel^r ben üWenftfiett 
al8 ben Äünfller. Unb unter biefem ®efid^t8i)un!te 



9 

als bem.Ieitenben, flelle ic^ mit bie 3)id^tungen t>ox, 
toü^t ®^\Utt9 aSanberia^te begleiten. @ie ftnb 
famnitU(!(i bie SSbbilbet feines eigenen inneren 6eben8; 
il^re einjige SRegel, baS einjige ®efe^ i^ter gortbilbung 
iji feine eigene fiebenSenttoitflung. 3^ ^^tbe baf)er 
in biefen S)i4itungen nid^tS SlnbeteS erbliden, aI8 
bie ©eelengemälbe beS ^i^ttxi, [^ »erbe [il^re 
entfaltung nur but^l bie feinige erlldren: er iji baS 
Drginal, jte jtnb bie Slbbilber. JBon Äunjltoerfen 
biefer 3lrt, toie pe bie ®eijle8anlage ber neueren 
3eit bebingt, »irb man freili^ ni^t rühmen f 5nnen, 
tt)a8 Schiller felbjl öon bem göttlichen Äunjitoerte 
rul^mt: „ben ÄünjHer tt)irb man nici^t getoal^r, be^ 
f^eiben öerpUt er fi^ in etoige ®efe^e!" Slber man 
barf biefen üWa§jiab üoQenbeter Äunjl aud^ ni^t 
mitbringen ju biefen ^Poefien. ^ier merft man ben 
Äfinpler, ^itt fci^aut er überall bur^, l&ier toiU er 
fi^ unb fid^ üor SlUen in feinen S)i^tungen offen* 
baren. 2fu8 ben 2)i(i^tungen unferer ®oet^e unb 
©(i^iHer em^)fan^en toir ben beutlic^ jien , lebbaftejlen 
Sinbrud üon i^inen felbfl. SBirb man baffelbe fagen 
lönnen üon ben S)i4ltungen ^omerS, öon ben 
Sragöbien ®|)a!ef^)eare8? 3^te SBerfe fiub un8 Ilar, 
t^re ^erfonen bunfel! ^ier barf man gefielen: ben 



10 

5tünfllet tt)itb man m^t^ttoa^x, bef<!^eiben üetl^äOt 
et fxS) in endige (Sefe^e. Unb bet einzige (SfiaYafter 
<BJ)ah\ptaxti , bet baS 3:alent |iatte, (Sonfefjionen 
unb ©clbjlbelcnntniffe }u [^reiben — ^amlct — 
tt)at fe^t bejet^nenb guglei^ iai erfle Dbiect, an 
bem ©octl^e ben ®^a!eft)care etgriff unb fi^ unb 
feinen 3wtgenoffen flat ma^te, ^i^ f^eine einen 
Sabel auSgefproi^en ju l^aben, ben i^ ni<!^t beab« 
jid^tige. 3^ toiU unfere ©oetl^e unb ©c^iHer nid^t 
tabeln, ba§ fie ^omete unb ©i^afeft^eate nic^t toaten* 
Sielme^r begreife i^ fei^t gut, ba^ fte e8 nid^t fein 
fonnten, S)ie ganje ®mj)finbuttg8tt)eife beS ^ÄialttxS, 
in bcm fie — baS in i^inen lebte, ma^tt e8 not|>* 
toenbig, ba§ ji^ il^ite (poefte in ©elbjlbefenntnijfen 
augfpta^i. Unb biefe ©elbjlbefenntniffe »irlten, toie 
fie gemalt toaten, mit unipibetjtel^li^er, bämonifiö^er 
®ett)alt. Slber toir muffen bie Smpfinbung8tt)eife 
naiver fennen lernen, m\6)t biefe ©elbflbefenntnijfe 
l^ertjortreibi 



n. 



SBenn m (Smpftnbungen entbeden liegen, »ie 
SlatuTgefe^e, fo toüxtt iSf fagen, ba8 a^tit^ntt 
^oJ^xf)Vini>ttt l^abe eine neue ^mipfinbungSnieife ent^ 
bedt a3te(mef)t ^at eS biefelbe ^txwxQthxaS^i; fte 
folgte mit Slot^tDenbigfeii au8 ben geijUgen Sebim 
gungen, bie bem S^'^i^^iinbert ju ®tunbe lagen. 3)ie 
gefammie toiffenfd^aftli^e SBeltanjtd^t bei neuem 
Bett, in Setbinbung mit bem $roteftanti8mu8 ent^ 
flanben, gtfinbete jtc^ junä^ilt auf forfd^enbe Statut^ 
betta(|tung. 9uf bie 91 a tut, aI8 bie aUeingältige 
unb normgebenbe SBaf)t^eit, listete ft^ ber neu 
ertoa^te menf^Ii^e @tfenntni§trieb; ba8 tDi^begietige 
%tge beS %ox\^tt9 butd^toanbette bie SBelt \>on ben 



A 



12 

©iernen bis }u ben ©taubfdben, unb na^bem eS ft$ 
gefdttigt l^atte an ber 5tenntni§ bed me^anif^en 
■9Bettbau3 itn ®ro§en, untetfud^te ti bie miboto8^ 
mifd^e SlatuT Bi8 in il^rc Heinjtcn Z))t\U, biS in i|)te 
gerinflfufligßcn Organismen. J)ie 3laturttj al^rl^cii 
lourbe f)7la§{lab unb (Rid^tfc^nut für aUe übrigen* 
UeberaD tourbe Uebereinjtimmung mit ber 3latur 
geforbert. Slud^ bie menfc^Iid^e ©eele foQte getoiffe, 
unöerbrü^lii^e SBal^rfieiten mit auf bie SBelt bringen 
al8 normgebenb für ba? gei|iig*fittli^e Seben; biefen 
^angebornen SBa|)r|)eiten " gemd§ entjianb bie gor* 
berung eineS natürli^en ^t6)ti, einer natürli^en 
^Religion. £)iefe geforberte Uebereinfiimmung mit 
ber Slatur, gleichgültig toie fie »ar gegen bie über*» 
lieferten ©itten, mu§te notl^toenbig jum aSJiberfprui^ 
mit ben gefd^id^tli^en aRdd^ten führen. Unb je 
leibenfii^aftli^er jic^ ba8 menfii^li^e S^terejfe* nad^ 
jener Seite juneigte , um fo leibenfci^afHid^er toiber* 
fprac^ e8 ber anbern. S)ie au8f(!^Iie§enbe 3:^eilna^me 
an ber Siatur nal[)m ju i^xtx unüermeibli^en Äefirfeite 
bie ®lei(!^gultigleit unb Slbneigung gegen bie gef(!^id^tli$ 
überlieferte SBelt. 5)enfen »ir un8 biefe9li4ltung verfolgt 
bis auf einen du§erflen fpunlt, fo toirb an biefem fiuger* 
fien fünfte, tt)er xJ)n mti^t, ber Slatur fid^ ööDig ^inge* 



13 

geben, bet ®t\^iä)k, ml^t bie gebilbete SBelt umfaßt, 
jt$ t>bUxQ enifrembet füllen. Unb baS t{l bie @mpfin^ 
bung8tt)eife, wn bet i^ tebe. 68 mtb ^Sfxott fein, 
btefelbe tein }u looQiiel^en unb ganj barin au^ugefien, 
tt)eU eS f^ioer fallen mu§, {td^ ganj abjuldfen t)on 
ben Ttä^ttn gefc^i^tti^ier ®en)o][)n^eit unb 93ilbung. 
Unb nid^t bIo8 f^toer, fonbetn natuttoibtifl fogar 
ift biefe ^Idfung, tt)enn {te in aQem Stufte t)oU^ 
Brad^t toirb, benn bie gefc^i^tlic^e (Setool^inl^eit ifl 
fut ben 37lenf(S^en aud^ eine Statut. Slber bet 
S)dmoTt eine8 3eitaltet8 fd^teitet fott, bi8 et ba8 
duBetjle (Snbe eneid^t ^at. Unb l^iet, auf biefem 
ejaltitten ©tanbpunfte, mu^ bie gefd^i^tU^e SWen* 
f(|entt>elt al8 ein S^ttbilb ut\li bie Ulatut aI8 eine 
©irene etfd^einen! 3e^t ifl bie Statut nid^t me|)t 
ein ®cgenjlanb »ijfenfci^aftU^et Settaci^tung, fonbetn 
Icibenfc^aftU^et Eingebung ; fie n^itb nic^t untetfud^t 
fonbetn geliebt, unb um fo fieftiget aI8 man jt^ 
jurüdgeflo^en fü^ift üon bem gef^id)tli^en ßeben, 
Don bet geltenben ®efellf(i^aft8fp^te bet aWenfd^en. 
I)ie Statut gilt nun al8 bie einjige SBal^tlieit, bie 
®ef(!^id^te al8 feine. Um fo auSf^IiepIid^ ju gelten, 
toitb bie Statut getabeju öetgöttett 9lbet bie »et«* 
gottette Statut ijl nii^t me^r ein ©egenflanb be8 



14 

SDenfenS unb %üi\^taS, fonbem bet ßnm^finbttiig 
iinb ^^antafie. Unb fo lebte bie Statut in bet 
C^pftnbtmg tmb ^l^antofte üon "^tan "^atcititi 
Slouffeau! @t l^ot jenen fiu^rften ®unfjifVixSi 
enei^t ben bie 9Kd^tun^ beS ^a^tipunbertS an^tdbte. 
Seitet lonnte baS 9latutintetejfe ni^i gegen aI8 
bis }u biefet ipotl^ologifi^en 9latutem:|pfinbung ; au8« 
fd^lie^enbet fonnte bie Slatutemipftnbung nic^t toetben, 
aI8 fie SRouffeau etgtiffen; fie l^at in biefem metl^ 
tofitbigen unb ttagifi^en Sl^ataftet il^ten 93otf^aftet 
gejiinben. 38 {tnb |iiet ni^t bie ®efe^e bet Statut; 
bie ben menf(^tt^en SntbedunflSgeiji teijen, e8 ijl 
bie iRatutmac^t, bie elementate, bie i|)n bejaubett; 
e8 ijl bie menfc^enlofe einfame Statut, bie et mit 
feinen ^l^antapen bebölfett: bie ÜWeittetiefelfen am 
Oenfet 6ee, »o ©i (ßteuj an feine ^u\k benft 
bie Sinpebelei unb SBdIbet öon SRontmotenct) , too 
SRoujfeau feine ^eloife bid^tet, bet SBielet ©ee, tod^in 
bet 93etfoIgte ft^ fluttet, um afiein unb fl(!(iet ju 
fein; f)iet übetlä^ et ben einfamen Slawen bem 
©^)ieIe bet Suft unb bet SBeHen, unb gang toetfenft 
in bie Stäume feinet ^^lantajie^ tuft et leibenfd^aft** 
\i6) au8: „o Statut! o meine fWuttet, fiiet pnb toit 
allein, l^iiet bin i^ glfidli^!^ ^n biefem öetjel^iten*» 



15 

ben, einfamen ©enuffe ber Statur ftnb bie einjigen 
©egenflonbe, bie i^n bef^dfUgen, feine @m)|>ftnbungeit« 
S!&a8 bie ^^atttafte üfm t^orjoubett, fUib 3Renf(^en, 
bie ebetifo empjinbett aI8 er, 3^ ^^^^ ^^ ^^t 
$^antajtenmenf(|en Hebt^ um fo Ieibenfi$afHt(!(ier 
fliel^t er bie toirfli^en, t)on betten er ft$ aQent^alben 
getduf4it utib verfolgt tod^itti 5teiti SBunber, ba§ 
il^m feine @m!|)finbungen fo tl^euer toerben, bag fle 
il^m „einjig" erfd^einen- Oft »enn er eine ®etnüt|i8'' 
bett^egung, ein leibenfc^a^i^eS ®efü|)I in feinen 
©elbflbetemttnijfen auSfpric^t, fe^t er bejeic^nenb 
][)inju: „]o ^atte no^ niemanb etnp^nben!" 

2Ba8 aber bleibt für eine fold^e äBorjlettungStoeife 
üon ber anenf(!^enn)elt übrig? 9li^t8 äBert^üoQeS atö 
bie reine Smpfinbung, bie ber ßinjelne für ben 
Sinjelnen l^at, bie ben natürlichen SKenfci^en mit 
bem natürli(|en äRenfi^en t)erbinbet: nid^td ®ro§e8 
unb SBegefirenStocrt^eS aI8 t^reunbft^aft unb Siebe, 
6bcn it9^a\b müjfen Q^reunbf^aft unb Siebe fo ^oS) 
im 5Preife flcigen al8 bie übrige aWenfcfientoelt jinft 
Jte gelten al8 bie einjigen ][)ö^jlen (Süter, um bereut** 
»men allein baS Seben Ieben8h)ert|) fci^eini ©ie 
bef(i[)dftigen unb öerje^ren alle ®emüt^8Irdfte. 2)ie 
ganje SebenSaufgabe fi^eint gel5|l, ber |)ö^fle menfd^*» 



16 

li^t 2eben8}tt)C(f cneic^t ju fein, toenn ji^ bie ^etjen 
ergreifen, toenn man em^ftnbet, ba$ man empfunben 
tt)irb« (^reunbfc^afi uub Siebe tt)aren ni^t neue ^ä%t 
be8 menfd^Ud^en $etjcn8, bie erjl je^t jum SJorf^ein 
gelommen, — jie fmb fo alt aI8 baS menf(^li(!^e 
^erj, — aber nod^ nie n^aren biefe 3^9^ f^ iugenb* 
lid^, fo reijcnb, fo magifd^ erfd^ienen, bag man nur 
in i^nen glaubte bie »afire unb reine üDtenfi^ennatur, 
ba8 menf(|Ii^e Sbeal, ju erfennen* SDorin eben 
bejlanb jene neue @m!pfiitbung8n}eife, auf ml^t i^ 
giele. SRoujfeau ^at fie ber SBelt offenbart, 6r fc^it 
berte fte in einem 9ioman, ber eigentlich feine ®e* 
gebenfieiten, fonbern nur emj)finbungen er jaulte: e8 
»aren bie Briefe jtoeier Siebenben, unb er nannte 
biefen (ftoman fe^r be^ei^nenb „bie neue ^eloife"» 
©0 einförmig er toar, n^irlte er ^auberl^äft auf bie 
©emüt^er; er traf eine SBelt , bie gewöhnt n^ar 
mit bemfelben Seibenfd^aften leic^tpnnig unb frit)oI 
JU fpielen, bie ber Dieter ber ^eloife al8 be8 SebenS 
inner|le8 Seben anfaf), 3n bem großen ®etriebe ber 
gefelligen SBelt fpielten biefe Seibenfd^aften toie ein 
bunteä ffeuertoerl, in bem iÄoman t)om ®enfer ®ee 
toaren fie »irfli^eS üerjefirenbeS ^J^uer. 3)iefcr 
Gontrafl toirltc betdubenb. 3)a8 Sui^ erfd^eint in 



17 

$arid atö eben bet Sarneioal beginnt (Sine O^utflin 
empfängt ben 9lt)man, tt)ie fte bereit iß, auf ben 
SaQ in bie Oipet ju fa|)ren; jte toiVi mit ber 
Sectüre biefeS Su(!^e9 ft$ bie le^te no$ äbrige @tunbe 
vertreiben; fte lieft; um SRittemad^t beftel^iU fte ben 
Sagen unb lieft noeiter; man melbet, ba§ er bereit 
[ei, fte anttt)ortet ni^t, fte t^ergi^t Mti über bem 
9u(|ie; enbli^ melben bie S)iener fd^on bie itotitt 
Stunbe: ,,e8eitt ni^t/' ertttterte fie unb lieft toeiter; 
i^re U|)r ift ftefien geblieben; fte fragt na$ ber 
Stunbe unb ][)5rt, ba§ e8 üier ift; ,,fo ift e8 jum 
»aH ju fpät, man foD ben Sagen f ortfd^itf en !" SDie 
neue ^eloife fejfelt fie unb fte lieft bie ganje SRaci^t 
weiter, 

28a8 aber toixi au8 bem. menf<]^li$en fieben 
im ®anjen, »enn 9toujfeau*8 empfinbungStoeife 
gelten foü? 3)a8 fieben mu^ bem Jlaturibeale gleid^^ 
^ma6)t »erben, antwortet SRoujfeau, burc^ eine 
neue ©riie^ung , iuxä) eine neue Drbnung ber 2)inge. 
aber biefe8 3beal ijl ein unbefiimmteS unb finbet 
fiif nirgenbS aI8 in ber @m!|)finbung unb (ßl^antafte. 
68 ift ein ^arabie8, ba8 man Jj^antaftren mug, um 
e? ju l^aben, bieten um e8 ju genießen. ®o oer^ 
mnitlt ft^ ^ier ba8 ganje geiftige fieben in 



18 

p^ntafitcnbe (£nn)finbung, bie freiließ eine fe^r 
poetifd^e, aber unter bem ernjlen ®efi^t8j)unfte achter 
Seben8tt)et8^eit angefe^ien, fe^r bebenfli(|e Oemfit^S*^ 
llimmung bilbet. ®ie fiö^toetgt in Entwürfen einer 
neuen glüdlid^en aSBelt, »on ber e8 unbejiimmt bleibt, 
ob jie nid^tS aI8 ein l^armlofe? Jb^H fein ober fic^ 
erful^nen loiD, an bie ©teile ber toirUid^en ju treten, 
ob jte fi6) ber gef^id^tU^en SBelt entgegenfe^en ober 
in bie SBorwelt nad^ IStfabien jurüäflü^ten toirb. 
2)ie ergriffenen ®emut|)er fommen in eine leiben^ 
f^aftlid^e Spannung, in ber jugenblid^e SWeuerungg:* 
fud^t mit ib^üif^en Gntpfinbungen toed^felt, unb 
flürmif(|e ^rojecte für bie 3^tunft mit reijenben 
Sträumen oon ®\M unb Siebe wetteifern* S? lä§t 
fi^ oorauSfe^en, ba^ biefer p^ntafirenben Smpfin* 
bungSweife, fo fel)nfüd^tig unb leibenfc^aftlici^ jie ijl, 
eine toirfli^e Sefriebigung auf bie SDauer notfitoenbig 
fel)It. ®ie i|l fo unbeftimmt unb geflaltloS al8 
unfere erften tJrü^IingSempfinbungen; jie ijl eben fo 
a^nungSooIt unb oerloäenb toie biefe. 3lber ba8 
menfci^li^e ®emütf) muß fi^ in biefer leibenfci^afHi^en 
(Spannung »erje^ren, benn e8 mu§ oon jeber crnfl* 
l^aften Serü^rung mit ber SBelt unb ben OWenfc^en 
immer wieber unbefriebigt ju feinen $^antafien 



19 

jurildfc^tctt, es beflinnt mit liebenSnoürbiger, feuriger 
©$todrmetei unb enbet mit nid^tSüermögenbet, gram* 
H$er ^9po$onbrie. 2)a8 »ar JRouffeau'S unglüd«* 
Ii(|e? unb fe^r begreiflid^e« ©c^idfal. 68 gehörte 
eine ^iüi6) unb t)oetifii^ toeit gtö§ere Ärafl ba^u atö 
Koujfeau aufjutoenben l^attc, um fx^ mit ber SBelt 
toie fte ip HebeöoQ ju üerf5|)nen unb mit i^tem 
iRei(i[)t^ume ju erfüllen, patt fie leibenfc^afllic^ ju 
Beldmpfen, grdmlid^ ju fliel^en unb bie eigenen f(|on 
üerjel^rten 5P|)antajten jietS üon neuem ju genie§en. 
„J)ie OÄenfd^en \\xxä)Ut nur, »er jie ni(i^t lennt, 
unb tt)er fie meibet, toirb jie balb öexlennen/ — 
fagt ber Prjl im Sajfo. 3)a8 h)ar SRoujfeau'g ^aD, 
J)aruber ijl SRouffeau ju Orunbe gegangen. Der 
bauernbe Oegenfa^ gegen bie 2BeIt, — l^alb tragifd^, 
^alb ib^mfc^ , — jerrüttet mS)t bIo8 ba8 ®emütb, 
er t)erarmt au^ bie ^Pböntajte. <5o ijl baS Q^id^ 
fal be8 5Di(i^ter8 in jebem Sinn auf bie ijrage ge^ 
jleüt, ob er bie Äraft l^aben tt)irb bei Betten auf 
ein unmöglid^e8 unb barum untpa^reS ®Iüd ju t)er*^ 
ix^itn, feine 3;raumtt)elt fallen ju laffen gegen bie 
n)irflid^e, ben 5Punft aufjugeben, h)o SRoujfeau jle^en 
geblieben, bie SBelt au8 i^ren Slngeln px ^eben, 
t)ergeben8 gefugt, ^ule^t nur fi^ au8 aUen 8eben8* 

2* 



20 

fugen »irflid^ %Axa^i ^at; ob er im ©tanbe fein 
wirb, bet ©itene ju entjliel^cn, bie i^n unüemeiMi^ 
in ben abgrunb jiel^t, unb in bet ®ef(!^i(J^e etoa? 
ganj anbeteS ju erblidten aI8 eine abgefallene, ent« 
fleBte, intern Utbilb unheu geh)otbene aWenfi^entoett 
aWit einem aSBorte: eSifl bie SebenSfrage beS 33i^tet8, 
ob er feine ibeale SBeltanfd^auung toirb üerfB^nen 
fönnen mit ber gefiibi$tH(|en? 



in. 



2)afi i$ gteid^ biefe ^age entfc^eibe; jte tji %t* 
lop tootben: ber ®eniu8 bcr jpocjte latn ju un8, 
um aud ber 2:raumn)elt, bie tx in 9louf[eau %tio^ 
itn, überjuge|)en in btc toitlli^ie, ni^t of^ne ©^merj 
unb @ntfagung, aber mit um fo gt5§etet 5(taft ttnb 
gerid^tet auf fo öiel gt5gere3iri^! Unb e8 »ar unfcr 
Schiller, ber ben Uebergang gemalt unb ®^nit 
für @$ritt gebei(^tet ^at in ben S)i^tungen feinet 
SBanbetjal^re, bem ti gelungen x% bie ipl^antaftrenbe 
@mpftnbung aufjuttdren unb ju etfäUen ju einer 
))oetif4^en SBeltanfd^auung, bie ifirer Ütatur na$ eine 
bejal^enbe i{l unb bie gefd^i^ili^e Seit UebeioöQ ein« 
fd^lie^i fSx ^ci ben Sauber Slouffeau'S am gemalt 
tigjien em|()funben unb unter biefem 2^uitt gelebt 



22 

unb flebic^tct, hxi et bie ihafl fanb, i^n ju Wfen. 
©eine ©elbflbefenntniffe beginnen mit einem ^ijmnuS 
auf giouffeau unb enben mit einem J&^mnuS, bet 
bie Drbnungen ber ©efd^ic^te x>tx^mlx^t. Unb ttie 
feine ^^antajte i^re aSorjleUunöen unnjiUIürlid^ in« 
®ro§e unb Uneneid^bare hinauftreibt, fo erfd^eint 
i^m bamalä SRoujfeau felbji aI8 bet größte bet. üRen* 
feigen, mit bem öerglid^en alle übrigen -Sein ftnb, üot 
aUem feine Verfolger: 

Unb »er ftnb fie, bie ben SBeifen rid^ten? 
(S^eiflerfd^rafen^ bie im Siefe p^ten 
SBor bem &lhtxUidt bef ®tniti ! 
^^gefpfittett von bem ^ä^bpfnn^imi^i, 
(Begeit SRtefen diouffeau tinb'fd^e Stotx^t, 
2)eneit nie ^romet^tsus* geuet blied! 

Sr fielet ganj wie 9loujfeau unter bet au8f(i[)Uc^ 
5 enben üKad^t leibeiifd^aftlii^er 9laturem^)finbung♦ 68 
ijl bem jugenblic^en @^ißer nur barum ju tl^un, 
feine (§mt)finbungen fo gro^ aI3 mögti^ }u p^antoi^ 
Ixten, fo getoaltig aI8 möglich au8}ufi)re(iiien , bamit 
pe anbere ergreifen unb toieber emipfunben werben, 
©eine (Smpfinbung gilt il^m me|it al8 itgenb ein 
fad^lid^et ©egenjlanb. St ijl fxä) beflfen bewugt, et 
belennt e8 offen oot allet 2Belt. SII8 fein jtoeite? 
btamatif^e8 SBetf in ©cene tteten foH, lä^t et neben 



23 

ben %nf(|lagietiel eine @rinnentng an baS fßublifum 
bruden, toorin er fagt: »eine einjige gro§e Stufwal- 
lung, bie i$ bur$ bie gesagte @rbid^tung in ber 
Srujl meiner Su^örer bewirf e, wiegt bei mir bie 
jhengjle l^ijlorifiö^e (Sere^tigfeit auf/ Unb t)on bem 
gelben feines 3)rama'8 l^eift e8 in eben biefer Sr- 
inneruttg: ^gieSfo, t)on bem i^ vorläufig nii^t8 
6m))fe]^Ienbe¥e8 üu fagen wei^, aI8 ba§ i^n ^tan 
SacqueS SRouffeau in feinem ^erjen trug/ 

S)iefe ))^antafirenbe 6mpftnbung8 weife, Einge- 
geben an bie Statur unb leibenfii^aftlid^ geft)annt 
gegen bie gefi^id^tli^en Orbnungen, gejialtet ft($ in 
®(|iiflet8 fraftiger ©eele unwUHurli^ bramatif^- 
©eine bramatifc^en Srjlltnge muffen au8 biefer tra» 
9if(i^nbt)Ilif^en emj)fittbung8weife erltdrt werben, 
SDie dfi^etifi^e ©(^d^ung ifl \\m weniger jjureici^enb 
al8 bie ^)f^$oIogifc^e. 3Wan lann biefe 2)ramett 
nii^t ^u8 i^ren ßbaralteren, — man mu| biefe 
föl^araltere au8 ©filier erfldren. Sie ftnb 
bie ^projectionen feiner ^^antafte: (Entwürfe, bie 
i^n felbjl ober fein ®egcnt|)eil barfleUcn. 3)iefe ^iä)* 
tungen finb ©elbjibelenntntjfe in t)tamatif$er ^SoxxtL 
SDie bramatif^e Q^orm tjl bie ÜWetl^ole feiner ©elbfl* 
barjteHung, (Er lann jxe nic^t entbel^ren, benn wie 



24 

biefc gctoaltigc {ttatut elnmat befi^affen ijl, mu§ jle 
ft<$ auf ba8 lebenbigfle, n)itffam{le anifpxt^tn unb 
in i^ter ©elbflbatfleQung glei^ifam üerboppeln, 3)a9 
aber ma<$t biefe ®elb{lbetennini{fe untviUfürli^ bra« 
matif^, bie bramatif^e ^oxm ifl .fein Sebütfhi§, 
feine Statur; Unb niemanb mirb 2tt)eifeln, bap ^ 
in biefen jugenblit^en 9Berten eine Jtra^ t)ma% 
bie berufen ttar, ber etfle bramatifi^e S)ii^ter ber 
3)eutfc^en ju loerben. Sber ganj anberS {leDt ft^ 
ber Sßertl^ unb bie Sebeutung biefer 3)ramen, koenn 
i^re ^fiaraftere für ft$ genommen unb al8 fo((|e 
auf bie 5Probe gefleDt »erben. SDer 3n!^alt eine8 
S)rama8 ifl eine ^anblung, bie ft(^ bur$ S^araliere 
öertoirUii^t; Sfiaraftere aber muffen baS ®efe^ i^tcr 
^anblungStoeife in jt^ tragen: ^.l^ab* i$ be8 SWen^ 
f($en Rtxn erji unterfud^t, fo n)ei§ i^ au$ fein 
©oUen unb fein ^anbeln" — fagt ©c^tHer felbjl in 
feinem SBaQenflein. Sinen folAen innem Sttm mup 
ieber (S^aratter bciben, ber ein S^atatter ifl in beS 
SEBortd ))rdgnantem 93erflanbe. 9Benn er biefen Stttn 
ni^t ^at, fo ifl er ni^t bramatifd^. ®efe^t nun, 
ber S)rang eines S)id^ter9 treibe i^n, nur fi$ au8« 
iufpre^en unb feinen ©emütl^Sbetoegungen Suft ju 
matten, fo fann er un8 mit ^äf fortreigen, toenn 



25 

er getoaltig iji, aber eine? tt)irb er ni^t Wnnen: 
er mirb bie Jtraft unb SReife nid^t ^aben, au6 ft<$ 
anbere S^arattere ju erjeugen ))on eigenem inneren 
Äem; er toirb nur ft^ in oergr5§erten ^p^antafie* 
bilbem barfleQen, nur ft$ abbilben, aber in bem 
Drama felbfl ijl fein Original, lein eigenmäifftiger 
(Efiaralter. SBenn toir biefe fo gefi^affenen S^ara!«' 
tere bi8 auf t^ren legten Äern »erfolgen, fo toirb jt(^ 
jeigen, biefer Äem ifl bie ^xl^antajtrenbe SnipfinbungS* 
toeife be8 SDid^terä: biefer ©l^arafter ifl fein ©elbjl^ 
befenntni§. @e7^en toir nun gu, ob jic^ ber S)i(^ter 
na$ ben gl^araltereh ri(i^tet, bie er barjlellt, ober 
biefe na$ il^m, ob er fte felbflänbig au9 ft$ entld§t 
ober gangett an bem Seitfaben ber eignen @mf)fin« 
bung. 3|l ^^8 le^tere ber %aU, fo toerben biefe 
S^araltere Äinber fein,, bie leinen ©(|ritt tl^un ol^ne 
i^ren SJater; fte toerben Äinber fein, toenn au^ ge* 
mitige, ba jte einen folgen SBater l^aben. 




IV. 



^ergegentvättigen n)it und nun ben iugenbli^en 
©^iUcr, tt)ie et mit SRouffeau f9nH)at!^ifirt, fi^todt' 
ntenb in ben S^^^l^n ber Statur unb bcr SBorjeit 
leibenf^aftlii^ enegt gegen bie gef^ii^tli^e Dtbnung, 
bie i^m t>ttimt \^int, unter Ser^ltnijfe gebrudt, 
bie eine fol^e SmpfinbungStDeife begänfhgen, inbem 
jle biefelbe fieigern: — toa? xoxxh biefe ^pi^antajie, 
IraftöoH unb tl^atenlujlig toie pe ijl, unternehmen? 
Sie tt)irb fi$ ein Utbilb bieten menf$tt(^er SRatur* 
Iraft unb ein 3^trbilb menfd^Ii^er SBerborbenl^eit auf 
SRe^nung ber falfii^en ®e|lttung; fte toirb il^r 3^^^^ 
aI8 einen Serjlo^enen fiinileüen, bem nichts übrig 
bleibt al8 baS (Sefü^l feiner Ärafl; fte roixi bem 
gefci^ici^tüi^en ©taat.ber Oefe^e gegenüber einen SRatur* 



27 

jlaat etitfeffeltet Ärafle aufri(i^ten, bie |t$ jut gcfeüi* 
gctt unb gcjitteten SBelt tjoniomtnen cjcentrifi^ üer» 
galten, unb biefe S3Uber aQe noerben fit!^ in biefet 
$^Qnta{te auf baS lebenbtgfie ausmalen. 3)a8 fmb 
bie böl^ifdjicn 5Bälber, ba8 ifl Äatl SWoor, ber in 
bcn Sfe^ftl^n ber SJlatut unb SSotjeit fi^toärmt unb 
ie^t als bet t)etjto§ene 6o7^n ttn bie @))i^e ber 9täu» 
ber tritt unb ben Ärieg erllart an bie geltenbe Drb* 
nung ber 35inge. @ein erfleS SBort ijl au8 ber ©eele 
be8 3)ii$ter8 gerebet: „Ttix efelt t)or biefem 
tintenlledfenben ©dculum, wenn \6) in mei*« 
nem ?piutar$ lefe t)on 8ro§en SKenfd^en!* 
„J)a »errammeln fie jt$ bie gefunbe iRatur bur^ 
abgefiä^madte ®ont)entionen. 3<ä^ foC meinen 8eib 
treffen in eine ©^nürbruji unb meinen SBitten \^nix* 
ren in Oefe^e* 3)a8 ®efe^ ^at jum ©(^nedengang 
üetborben, tt)a8 Slblerpug getDorben toare/ ,,I)a8 
®efe^ ^at noc^ leinen gro§en SWann gebilbet, aber 
bie ^rei^eit brütet Äolojfe unb eitremitäten au8/' 
3)a8 SlUeS iji fel^r ^eroifc!^ em^)funben, aber biefe 
]^eroif(i^e @mi)finbung iji nur p^antajtrt, benn ba* 
neben jle^t unmittelbar bie ibt)ttifc^e- Sieben bie 
(Erinnerungen be8 ^Iutar$ tritt unmittelbar bie ®r* 
innerung an bie ^eimat^— unb ber Slblerflug ifl 



28 

t)ergeffeiu ^tj^t fe^nt er ft$ na$ ben @$atten fei« 
net t>ättA\j^tn ^aitie unb na$ ben Srmen feinet 
Stmalia, taoie eben wx^tx no$ nad^ ^anntbalS unb 
@d))io*S biegen. S)a8 fieroif^e $at^03 toe^fett 
mit bem ib^Qtfd^en, mie in ber (SmpftnbungSioeife 
be8 SHd^terS. Unb tt)ie et nun bur$ bie böfen 9tanfe 
beS 99ruber8 {t$ t)et{lo§en {tel^t t)on bet ^eimai^, 
ergreift i^n ein unbdnbiger 3orn über feine niii^t 
ertoieberte Eingebung unb er fdött)5tt fiii^ im »er* 
toegenjlen Sinne bc8 SB ort? jum SBanbiten. Slbet 
baä aSanbitenlianbtoerf ijl in ber SBirflii^feit gemein 
unb abfd^eulii^. @r p^antaflit {t$ }u einem ibealen 
{Rduber. „SBieberüergeltung fott fein ^anbtoerf fein, 
9ia^t fein Oetoerbe/' Sr möi^te bie (SSere^tigleit 
im|)rot)ifiren, bie ber bürgerlidjien ©efeHfi^aft gebricht 
Slber feine ^^antafien t)om menfi$H(!^en Statuneii^t 
»erben ernpc^ »iberlegt butc^ feine ®enojfen, bie 
)9irtli$e !Rduber ftnb unb japofe Slbfci^euli^leiten 
begeben au8 bloßer fttml^afttx i\x% @o mu§ fic^ 
ber St&uberl^auptmann befi^ämt geflel^en, bag er ber 
SRann ni($t fei, iai 9ia(!^ef$tt)ert beS oberen Siribu* 
naI8 }u regieren. 6eine ^^antafte ^atte il^n eti^i^t 
gegen bie georbnete menf(^U(^e Oefettfci^aft, bie i^m 
f$Ie(^t f(^ien ; je^t bcit er fi$ mit ber f(|ile(^teften 



29 

umgeben, unb flud^tet au8 bem IRduberleben tioiebet 
in feine ^T^antafte unb bur$ biefe ju ben fieroifd^en 
unb ib^Hifci^en Smpfinbungen. SJer Slnblitf ber unter* 
ge^enben ©onne tü^tt i^n ju Sl^rfinen: ,,fo fiirbt 
ein ^elb!" — fagt et, in biefen Slnblitf »erloren. 
S)ie Oebanlen an bie SKnbl^eit leben lieber auf, mit 
i^nen bie ©el^nfuc^t na^ iJ^cuubfiö^aft unb Siebe, 
nad^ bem ©^lojfe be8 35ater8, na(i^ ben grünen 
2:plertt ber ^eimat^. S[ber bie toti^t, ib^Btftl^e 
6mj)finbung, toie fie bie l^eroif^e vertreibt, »irb fo* 
gleich )oon biefer vertrieben, ©eine 9lduber l^abcn 
toie bie ßötoen getdmpft, jte l^aben eine {pi^antajte* 
t^at üertic^tet unb einen verloren gegen brei|)un* 
bert, bie fie gctöbtet! S)iefe gro§e Z^at ergreift 
lebhaft fein ^eroif(^e8 Äraftgefu^l, bie Rnblic^en ®e* 
banfen jtnb t)erf^tt)unben , unb et f^toört bei ben 
©ebeincn feineä StoUer, er tooüe bie SRäuber, feine 
©enoffen, niemaW »erlaffen. ®o ifl biefer beflimm* 
bare S^J^S^ing: jeber mäd^tige Ginbrucf reift i^n 
fort, bie ®ett)alt ber augenblidli(i^en emj)finbung 
bel^enfiä^t il^n untt)iberflel[)Iic!^ ; noc!^ eben tooHte er 
bie iRaubet fliegen, überwältigt t>on bem Sinbtutf 
i^rer SSerbreii^en, je^t »iU er fte niemals üerlaffen, 
übertDfiltigt üon bem Sinbrud i^rer Sapferleit. SBenn 



^ 30 

ttut bie einbrüdc pari, getöaltig, impofant jtnb, fo 
Idft eY fi^ leiten mie bie $^anta{te eine8 3)i(|ftet8: 
natutlii^, benn et i|t ni(!^tö anbete8 al8 eine fol^e 
^pi^antafie; ber eigene Äern fep, ber allein ben 
tt)itfU(^en ei^atalter bilbet Unb tt)ie bie Sinbrüde, 
bie et empfangt, fo ijl ber SinbtuÄ, ben et ma^t: 
et imt)onitt unmiOfütlii!^. JtoftnSf^ fommt unb fu^t 
,/ben gto§en ®tafen üon SKoot/' et finbet i!^n, unb 
faum !^at er if)n gefeiten, fo ^at et i^n au(^ etfannt; 
n\i^ l^abe mit immet gett)unf(!^i ben SWann mit bem 
üerniii^tenben 5BH(!e ju feigen, toie et fa^ auf ben 
(Ruinen t)on Äatt^ago, — \t%i toünf^' ic!^ e8 xCxi^i 
mel^t!" a)loot iji biefet aWann. SBenn \^ mit gutü** 
tufe, ttjie et noc!^ eben t)on ©lud unb Äinb^eit unb 
Unfci^ulb unb ben gtünen Sudlern bet ^eimat^ 
ttaumte, no(^ eben jetflog beim Slnblid bet unter« 
ge^enben ©onne, no$ eben mit Sagelöl^netatbeit bie 
©eligleit einet einjigen Sutane erlaufen tooHte, fo 
lann i(^ mir toirüic!^ ju biefem toeici^en, f(|tt)ärmeri^ 
fdjien Sönglinge leinen üWariuälopf benfen, ©8 ijl 
bie 5pi[)antafte ©(i^iüerS, bie je^t l^eroifc!^, ie^t ibpl* 
W^ gcfiimmt iji unb oom ^piutarc!^ jum iRoujfeau 
imSBec^fel eineä SlugenblidS übergel^t; fie empfinbet 
im Äarl 2Roor, fie fie^t mit ben »ugen ÄofmSf 9*8 : 



31 

hai Mti ftnb ni^t Sl^atattete, fonbern @eI6{l6e^ 
fenntnijfe be8 3)i(!^ter6. 3)em Jtnaben JtofmSf^ gegen« 
über jeigt ftc^ ÜXoot aI8 ein SOtann, ber ba8 Seben 
fennt unb Slnbere xoamm barf, et n)eiji ben 9leu« 
üng jurud, bet ein üKitglieb feineä 9latutjlaate8 
ti)etben möchte. Unb bo<$ entn)affnet biefer aUe ntd$« 
tigen ®rünbe, bie SRoor aufbringt, mit einem einji« 
gen Sorte. @r etjä^It ifim bie unglüdli^e ®t\ä)x^tt 
feiner Siebe, unb ber blo^e iRame „Slmalia", unb 
ber blo§e jtlang biefeS StamenS, ber i^m treuer ijt, 
bringt ben gelben au8 ber iJajfung unb ffi^rt wie 
mit einem Sauber baS ^itß ber ^eimat^ üor feine 
Seele. ÄofmSft) ijl für bie Sanbe geworben, unb 
bie Carole be8 Hauptmann? lautet: „fie weint, jte 
»eint! jte vertrauert i^r Seben, auf, ^urtig, aUe 
na^ granfen!" 60 we^feln bie ^eroif^cn empfin^ 
bungen mit ben ib^Uif^en, wie bie böl^mifc^en 3BäU 
ber mit gran!en. 

Unb nun er enbli^ bie ^eimot^ wieberjte^t, löjl 
er ^ö^ auf in p^antajtrenbe Empfinbung. Der ^elb 
unb SRduber ijl üergejfen, unb feine ganje Seele 
toitb ib^Uifc!^ unb linbliii^ gejiimmt unb oerwanbelt 
fi^ in ©pmpat^ie mit ber ^eimat^. „SBaterlaubS*« 
erbe, SaterlanbSfonne, JBaterlanbai^immel unb gluren 



32 

unb ^ügel unb ®tT5me unb SBälbet, feib aQe, alle 
mit ^et}lt$ gegrüßt Mit fo t5p($ tot^i bie Suft 
t)on ben ^eimat|>gcWrgcn* (Slijifium! b^terif^e SBclt! 
^alt ein, Wloox, bein ^n^ n^anbelt in einem l^eili« 
gen Sempel!" 5Die Silber ber Änabenjeit iioerben 
i^m toiebet lebenbig. SIu^ feine Änabenfpiele xoaxtn 

ib)ßi\6) unb ^eroif^ IH^^^* „^W ^^' ^^^ ^^^ 
@<]^tioaIbenne{lei im @<^Io§^of, au^ ba8 ©artentpp 
c^en unb biefe ffide am 3ftun, too bu fo oft ben 
ganger belaufci^tefi unb nedtejl, unb bort unten baS 
SBiefentfjal, too bu ber ^elb 9llejanber beine aWace^ 
bonier in8 treffen bei Slrbela fü^rtejl, unb eben 
ba ber graftge ^ugel t)on toel^em bu ben ))erjtfc^en 
©atrapen niebertoarfft." 5Bie fx^ mit bem frdnii* 
f(|en aSiefentl^ale bie ©^lac^t öon Slrbeta üerbinben 
Id^t in bem ^JJ^antajtefpiele eineS Änaben, fo über* 
l^aupt vereinigen fx6) SbtjII unb ^eroent^um, 9louffeau 
unb 5piutar(^ in ber ip^antafte unfereS gelben, dr 
ifl ein Änabe geblieben; feine ^^lantajle fpielt mit 
ben Silbern fort, bie jie bamalä gefi^affen, unb 
feine Seele lebt nur in biefen 5Pf)antajten. S^^t fl^i^M 
er ben $lutarc^ auf ber ©uitarre, toie feine ämalia 
ben Isomer. 68 iji niii^t ^ectorS 5tbf(i^ieb t)on ber 
Slnbromac^e, fonbern er ifl ber ^ector imb fie bie 



33 

Snbtoma^e, unb jte bxauä^m bie 3^^^ ^vix, um 
i^te (Sm))ftnbungen au8 bem ^b^Uifid^en inS ^eroifi^e 
ju fiberfe^cn. ©enrt ^ectot^aWoor fagt: ,,aU' mein 
6e|inett »iD i^, oU* mein S)en!ett in bet Sctl^c fht 
kn ©ttom öcrfenlen, aber meine Siebe nid^t/ — fo 
ijl ba8 ni^tö anbeteS aI8 eine fieroifd^ gefaxte SiebeS« 
edldrung. Unb ba8 SBBiebetfe^^en in ber Unterbett 
p\\^m 99rutu8 unb @&far na^ ber @$Ia^t t)on 
$^ilit)t>i ijl baS @piel einer ^|)antafte, bie je^t mit 
bcm 8rutu8, je^t mit bem Sdfar fi5imt)at]^tftrt unb 
in t^t iugenblic^er SBeife no$ niäft bejlimmte S^* 
tattere fud^t, fonbem ®r5§e unb Äraft im Mgemei* 
ncn. mooxi SÄdubert^um felbjl ijl im (Srunbc ni^ii 
anbcreS aI8 ein t)erunglu(!te8 {pi^antafiefpiel. ®t 
»)^antajttte jlc^ jum SRfiuber, er sollte ben iRdubet 
fpielen, unb feine Iragöbie ijl, baj ji^ mit bem 
toirfli^en ßeben unb bem Srnjl gef^i^tli(!^er JBer* 
^oltnijfe nic^t fpielen Id§t. STOit biefer Srfa^rung 
mup er fein ^^antajicleben bef^lie^en. ?lm Snbe 
tnu§ er [x^ felbjl be!ennen: ,,0 eitle Äinb ereil 
^a jle^* \(S) am Staube eines entfe^Iic^en S(bgrunb8 
unb erfa][)re mit l^eulen unb 3fi^ttflaj)i)ern, ba§ gtt)ei 
3Wenf$en »ie ic!^ ben ganjen Sau ber ftttli^en SBelt 
JU ®runbe rii^ten tourben." 9lur barin ttjui^ert nod^ 



34 

bie überfc^ttfpfte 5pfianta|ie, nur barin imponirt er 
fi^ felbji no6f ju fei^r, ba§ er glaubt, bie fittUdie 
2Belt fei fo U\ä)t ju jerrütten. 

Äarl üWoor iji !ein befiimmter, in jic^ ftegrün* 
beter ß^arafter: er ijl ein iß^antajtebüb unb jUftlei^ 
ein ©piegeMb beS bamaligen ©d^ilter, %Ut Unge^ 
reimtl^eiten bicfer Sißnr, fo öielt pe ^at, al8 S|)o* 
raftet genommen, I5fen [x^ auf, n)enn fie al8 ein 
@elbjlbefenntni§ be« 2)i(!^ter8 ijerjianben wirb. S)iefe 
]^roif(^*ib^üifiö^en^^antafien im ©piel i^reS SBe(|* 
fel8, in i^rem SRingen na(!^ ®röge, in i^rer gejidt 
lofen ©rö^e felbp, bilben nimmermehr ben Älern eine* 
e^arafterS, jie jinb bie Stimmungen eineS toerben* 
ben Di^terä, ber juglei(|) ein gewaltiger aWenfc^ ifi. 
Unb bau biefer ^x6)ttt feine Smipfinbungen über 
Stlteg gefegt, ba| er bem ungeftümen S)range .feiner 
5pi[)anta|te na^gegeben, nur wag in il^m Übte rüd* 
fi^tSloS bargefteüt ^at, ba§ er mit einem ©orte 
gegen fic!^ looUIommen voa^x gewefen unb 
lieber fo oiele SBiberfprü^e öerf(^ulbet, aU 
biefe SBal^rl^eit nur ein einjigeämal oerlüm* 
mert ^at, ba^ gibt feiner S)i(i^tung ben gro* 
gen pft)(i^ologif(|en SBert^ unb öerbürgt me^r 
aU ein funjlgered^te? poetifc^eä SBerf feine 



35 

tjülle unb Äraft. Sr mai^t an feinem ip^antafte*» 
bilbe, nun e8 üoltenbet t)ot i^m bajie^t, bie gro§e 
Srfal^rung, bag i^m biefe? 33ilb ni(^t d^nlic!^ x% 
m$t a^nlic^ fein foU. Unb »enn jule^t bet Wduber 
SKoor wx f\^ felbjl erfc^riit, fo ijl baä auc^ ein 
©elbjibefenntniB be8 S)i(!^ter8! 



V. 



fcn, fo lange man aI8 ein Sflwgling empfinbet 
unb feinen empfinbungen Sufl maci^en toiD* S)ie 
^l^antafie im ®j)iele mit ifirer eigenen ©rö^e f)at 
einen mä^tigcn bannenben S^nhtx, bem man nic^t 
mit cinemmale entfliel^t. 9lo^ fheiten in unferem 
jugenblici^en ^\d)kx bie ib^Uifdjien unb l^etoifi^en 
Stimmungen, unb biefer Streit ifi noii^ lange nic^t 
au8gegüc!^en. 5)ie ibijUifci^en Sebürfhiffe brdngcn 
na$ ®\ixi, gi^eunbfc^afl, Siebe; bie l^eroifc^en bege^* 
ten ni(i^t tDeniger jiünnifi^ ^^xt, TtaS)t, JRul^m; 
unb beibe öerlangen mit gleicher Slatutjlärfe Sefrie* 
bigung. S)er 9lduber aWoor \x>ax ba8 Silb ni^t, in 
bem f\6) eine folc^e ^pipantafte toirflid^ befriebigen 



37 

lonnte. @ie mug f\ä) eine anbete ®e|lalt bi^iten }u 
i^rem mol^Igeiroffenen @ben6ilbe, {te nimmt {t$ einen 
SRenfc^en gum SBottDurf, ben bie 9latur auSgetä^et 
m mit allen Xalenten unb Seibenfi^aften, bie jur 
@t5§e befähigen unb fiinbtängen, ben bie Statur 
jugleii^ t)erfc^n)enbetif<^ auSgejiattet mit allen ®aben, 
bie i^n liebenStioätbig unb begel^tenSwert^ ma(!^en: 
einen aWenfi^en, in bem bie ^tiox^i)t Sl^atfraft eben 
fö jiarf ijl, al8 bie ib^ttif^e ®enu§fä^igleit, ber eben 
fo ßef(|iicft ifl, Staaten ju gewinnen aW ^etjen! 
ba8 ijl tjetgiii^en mit ben gelben be8 8lltett^um8 
!ein ^ector ober Srutu?/ fonbern ein ?llcibiabe8, 
bejfen gefä|)rlic^e ®rö^e jt^ in »bie reijenbe ^üüe ber 
Slnmut]^ üerüeibet. (58 foH ein j)olitifc^er S^aralter 
fein, ber unter ber SOtaSte be8 up))igen 3nüBiggang8, 
unter bem <Bä)\dtx be8 unbefangenen 8eben8genujfe8 
nur auf ben ?lugenblid lauert, »o er bie größte 
feiner Seibenf^aften, ben 6^rgeij, befriebigen unb 
an bie 6j)i^e ber I)inge treten !ann, benen er f(!^ein* 
bar glei^gültig jupe^t. ^m Snnerjlen, SKUen unbe^ 
metit, lebt er nur feinen ^planen, bie er an unfidjit« 
baren gäben bem großen ^iät .iuffi|)rt. SBa8 er 
t|iut, iJl bere(|net, au<ä^ ba8 9lebenfäd5)lic^e unb Un^ 
bebeutenbe, SBa^renb er ein f^toelgerifc!^e8, unbe* 



38 

fömmcrteS , t^atlofeS ßcben f5mKc^ jut ®(^au jleHt* 
tft er im ©el^eimen überall l^tn gefpannt, oufmer!^ 
fam, t^otig. 9li^t8 entgeht feinem fpdl^enben 3luge! 
SBaä an^ i^\^i^^, t)ern)ertf)et unb nü^t er in 
feinen planen, benen er SlUeS unterorbnet. S)er 
^[ugenblid mu§ fommen, tDO feine gefieime ©oat 
aufgeben unb er ber ©^hitter fein tt)irb. 6r 
|)at bie Carole bereit, bie ber ©daüe ausgeben 
folt, mnn bie ©tunbe ber ßntfc^eibung ba ij!; ttjer* 
ben bann feine aWitbürger fragen, n)ie er gejtnnt fei 
unb tt)a8 er öor^abe, fo fott ber ®clat)e anttporten: 
/,®enua liegt auf bem Slocf unb fein ^err 
][)eiBt Sodann Süb.tt)ig gie8!o!" 

©0 fottte biefer 6t)arafter tt)erben. Slber fo ijl 
er nid^t gelDorben. ^ätte if)n ber Dieter fo bärge* 
jtettt, fo n)ävbe er jtd^ in einem toirfli^en bramati* 
f(^en 6^ara!ter feiner felbfi entdugert l^aben. (Sr ^at 
l^n fo ni(^t bargejleHt SDie 9latur be8 2)i<$ter8 
toar mä^tiger aI8 il)r iproject: unn)iflfürli4i l^at ber 
G^arafter/ ben fte beab)l(^tigte, i^re eigene ©mpfin* 
bungStoeife angejogen unb bamit |ftd^ felbfl in ein 
bramatif(^e8 ©piegelbilb t>ern)anbelt. 3)iefer ^ieSfo 
ijt, tt)ie fein 2)ic^ter, ein genialer, j)5antaftet)oDer, 



39 

BefHmmbater JöngUng, ben jeber gto^e ßinbrud mit 
^ fottrei§t, unb ber am tt)enigjicn gemaiä^t ifl, ber 
pM]ä)z K^arafter ju fein, ben ©<ä()tDet i^m aufgab. 
6r foH ixbtxaU bere<i^net unb planüoD Rubeln, aber 
er ijl ber SWann ni^t, bem möd^tigcn Slugenblid 
ffiiberflanb ju leijlen, unb fo ijl er fortod^renb in 
®efa^r, feinen ißtan jU verlieren. Um fol^e $Iäne, 
angelegt auf ein ^)0litifc^e8 Sxt\, gefä][)tli<^ unb fern* 
ftcjitig tt)ie jte jtnb, mit unerbittlicher ®i($erl)eit 
burt^ jufü^ren , — bap gel^ört eine männliche Äraft 
unb Saite, eine 3ö^igfeit in ber Stttrigue, eine Un^ 
emj)fongliii^feit für alle ablodenben ßinbrüde, eine 
feile, i)erf^lof[ene, f^toeigfame JBillenSfraft, bie tt)ir 
in einer reijbaren, UxS)t tjerfül^rerifc^cn SünglingS* 
natur ni^t fu^en fönnen, am tDenigjlen, lüenn fie 
fi$ l^erumtrdgt mit 3bealen t)on (Slütf unb ©röge. 
STOan mu§ feiner ®mj3finbungen öollfommen «^err fein, 
feinen enttt)ürfen, tok m&6)ix% fu au(^ bie ©eele 
belegen, in jebem Slugenblide befehlen fönnen, tt>ic 
SRi^arb IIL: „tau(i^t unter i^r ®eban!en!" — unb 
bie ©ebanfen müjfen in jebem Slugenblitfe gel^orc^en, 
toenn ein j)olitif$er G^arafter entfiel^en foH, noie 
<3^iller feinen gieäfo im ©inn l)aiit ^aS) einem 
anbern aWobeU ^at er il)n angelegt, m^ einem an^ 



40 

ittn gebi(|!tet. ®o toenig et felbji, bet betoegte unb 
betoegUil^e S)i(^ter, feine Seibenfif^aften untetbritden 
unb i^nen gebieten mod^te: „tauc^it unter i^r ®eban< 
len!" — fo toenig vermag ti JieSfo, ber ^elb fei* 
neS ^oIitif(|!en Sta^etf^ielS. . f^ieSfo t>tt^äU fx^ )u 
feinen planen ebenfo toie @(|iaei jum $(an bei 
iJieSIo. 2)a8 fünfHi(!^e (Setoebe jerrei^t jeben Slugen* 
blid an einet mä(!(|tig |)ett)otfptingenben Statutempfin« 
bung ; leben Sugenblid loitb e8 Don einet ®emütfi8« 
toaUung ubetflut^et, jebet t)etfü^terif(^e einbrud 
fpielt bem $ie3to unn)iIItütK(|! bie f^dben feineS 
$Ian8 au3 bet ^anb. @t koiU einen bete(i^neten 
SiebeStoman mit ber ®rdfin 3mperiaU fu^ielen , um 
bie S)oria8 fx^tx }u madftxi unb ganj ®enua ju 
tauften, aber biefe „S^eatetleibenfti^aft" f^)ielt mit 
i^m, unb et ifl fe^r in ®efa^t, fxi) babei }u »er* 
tänbeln. @eine ^^antafte koitb für ben ^ugenblid 
ernjl^aft üetjhidt, toenn a\x^ ni^t fein ^erg. 3« 
ber ^h[x^t unb bem $Iane beS ^xiftni ijl Sie8to*8 
Siebe ju 3uUa 3mperiali blo8 ©piel unb blo8 2Ra8le. 
9lber t)on bem fortrei^enben ßinbrud ber Situation 
felbji toirb ^ieSfo augenblidli(^ ergriffen, unb bie 
bege^rli(|! feurige SBaQung, bie i^n uberraf^t, fteigt 
|)5^er als bie talte 93ere(!^nung. @8 gibt in feinem 



41 

mtl btefet Ieibenf(^aftU(|!en unb mfi(|!tigen t^tau koeit 
teijenbet unb belebenber auf ^ieSfo'S Stimmung ein« 
jlie§t als ba9 @piel feinet toeitblidenben unb f^Iauen 
Sntrigue, aW ber IReij, biefe« QpxA ju getoinnen* 
^iCLUi^t ho^ ber ^i^ttx felbjl fe^i acute biamatifd^e 
Ttxüä, um bie ftette }u fprengen, bie ftd^ SieSto 
ber ^\Dt^tx 2)oria8 gegenüber ni(^t lofe genug an* 
gelegt ^at. 6r|l mu^ bie gütjKn burd^ 3ubring* 
lidjittit toibertoartig, burd^ baS niebrigfte ber Serbre* 
$en gemein unb abf(!(ieuK(!(i koerben, bamit ^eSfo 
8lei4>fam ben entgegengefe^ten ßinbrud empfange, 
68 ifl nid^t ber tiefoerjledte ^lan allein, ber biefe« 
Ser^altni^ tnä)[)fi unb auflöft; ^eSfoioirb inbeiben 
t^dHen ))erf5nU(^ ht^oö^tn, unb }ule^t mu§ er 
{te erjl loerai^ten, jule^t mu§ fte x^m grabe }u loibet« 
Ix^ toerben , bamtt er. im @tanbe x% fte ju t>ttnxä)* 
ten. — 2luf eine unbegreifli(i^e JBBeife f)at er im @tiU 
len alle SRittel {ufammengebraif^t, bie arglofen 2)0" 
riad ju tdufil^en. ßinen befUmmten politifd^en (Se» 
banfen, ber auf ba9 ©taatSkoo^I ginge^ ^at er ni(i^t 
ni^t einmal einen bejiimmten el^rgeigigen $Ian. S)ie 
ä3erf(fin)örung ber mißvergnügten (Senuefer l^at er 
f^einbar t^eilna^mloS ibren SSßeg ge^en laffen. 6r 



A 



42 

wartet Bi8 feine ©tunbe f^Iägt. Unb mm jte fi^logt, 
n)a8 tt)irb gcf<ä()e^en? Sr wirb plbi^Mä) \)txwitxt^ 
ten wie ein Halbgott, er wirb eine ungeheure SBir*» 
fting mad^en, wenn er mit einemmale alle überrafc^t, 
e8 wirb ein Sontraj! o^ne ©leieren werben, wenn 
er in einem Slugenblicfe bajlel^t, Sitten unerwartet, 
atö baS ^aupt einer SBcrfc^wörung, bie ol^ne i^n 
gemault werben — unb je^t ben Sllcibiabeä pl5p(^ 
in ben S3rutu8 »erwanbelt! ^ai) biefem SlugenbliÄ 
bürfiet feine ©eele» 3und(|ijl wirb er ganj befrie« 
bigt fein, wenn er biefe 2Blr!ung gema(^t l^ät, unb 
Sitte, bie i^n oufgaben aI8 ben verlorenen unb ent* 
arteten ®o^n be8 äBaterIanbe8, je fit mit Staunen 
®enua3 größten 3Wann in i^m erfennen. S)er Son* 
traft jteigert bie 3Bir!ung, %xtSio fleigert ben 6on* 
traft. 910^ einen SWoment fpielt tt ben SÄIcibiabeä 
unb im ndc^flen ben Srutu8. Die SSerfc^worenen 
wotten if)n aufweclen au3 feinem t)ermeintHc^en Senium* 
mer bur^ einen gewaltigen unb jugleic^ Sfil^etifi^en 
einbrudr gauj beregnet auf bie reijBare ^^antafie 
gie8fo*8. ®ie laffen ba8 Söilb t)om Jlobe ber Sir* 
ginia x>ox \\)m ent^üflen, ßr fte^t e8, aber er lfi§t 
nur ben ftnnli^en ßinbruci auf ftd^ wirfen, er )fi^at[* 
taftrt nur im SnbHÄ ber römif^en Jungfrau unb 



43 

beilft tt)cber an bcn 33ater no(i^ an ben ©eccmmr. 
et gefdtlt fi^ in biefcm jtt)if(i^en Äunji unb Statut 
get]f)eilten SntfiuftaSmuä : ,/^i) tonnte ^ict fielen 
unb l^ingaffen unb ein Grbbcben überböten. Slt^* 
men ©ie 3^t ©emdlbe »eg! ©oUte x^ ^f)nm bie* 
fen 5Btr9iniafoj)f be jaulen, mü|te x6) Oeriua jum 
SBetfa^ geben. Jlc^men Sie tticg!'' — <^iet !^at et 
bie dupetfle ®tenje bet genie§enben ibpUiftljen ^^an* 
tajie ettei^t. 3^^t ijl bet Slugenblid ba, tt)o bie 
l^etoif^fe butc^bti(^t; je^t tritt er l^etüor, ben unge* 
l^euten Iriumj)^ ju genießen. ,,SDac^tet 3^r, bet 
2ött)e fc^Iiefe, tt)eit er nic^t btüDte? ß^e 3^t bie 
Äetten raffeln l^örtet, l^aüt jte f^on gieSfo jerbro^en/' 
3e^t [chattet er feine ©d^atuUe au8 toie ba8 güUfiottt 
bet ©ott^cit: ,,^iet Solbatcn t)on ^Parma, l^iet fran* 
jöjtfc^eä (Selb, ^iet ©aleeren oom ipabjl. — ©enug ! 
®enua lennt mic^ in eu^! SRein ungel^euetjlet 
SBunf(!^ ijl beftiebigt." — 

(St tt)irb ba8 anerlannte ^anpt einet mächtigen 
ajetfc^tx>ötung. 68 jiel^t je^t bei i^m, toai et au8 
fxäf maä)tn toxti, ob ben öütget ober ben §errn 
beS neujugejlaltenbcn Staates. Sin polittfi^et dl^a* 
taftet l^dtte biefe g^tage längfi im ©tillen entf^ieben, 
entJoebet nad^ bet einen obet nac^ ber anbetn Seite. 



44 

Sti^t fo gt«8fo, er entf^eibct fie nur naä) b« 
^l^antafte, unb bie ^l^antafte entf(^eibet na$ bei 
Stimmung be9 3(ugenbK(I8, unter ber ^errf^aft bei 
mä(^iigften ßinbrudd. ßben ^at er bie fdttüunit^ 
rung feiner SRitburger getojl;et; er lebt no^ ganj in 
biefem Sinbrud; er f^toelgt noj$ ganj in bie« 
fem ®enu§! er möd^te ibn um jeben 5Prei8 er* 
][)aUen; um jeben ißreiS m5(^te er geliebt fein loon 
bem furdjitbaren ®enua: er ftijiiodrmt in biefer rcijen* 
ben unb ib^Uifcl^en 9[u8ft(^t , bog er ®enuaS betoun« 
berter ßiebüng fein fann, ber tugenb^ftepe fWann 
be8 ©taateä, ein jtoeitcr limoleon, 2)er üWonbf^iein 
begünpigt biefe ©d^tofirmerei, Unb bie tJrnge: ,,9le* 
^)ublilaner gieSfo, ^erjog gieSfo?" — löfl ft$ in 
unb gemäß biefer ©ttmmung. ,,@ei frei ®enua!"— 
f(^lie§t er feinen" üWonolog , — „unb \6) bein glü* 
Uc^jier »ürger!-' — SDa8 ijl fein poUtif(^e8 Sb^lL 
68 ifl eine 2Ronbna(i^tf(|!tDärmerei. @$on bie nä^ijte 
SKorgenbämmerung mac^t i^m anbere ©ebanlen. 
S3ei bem anbre^enben äRorgen, ber ba8 menfd^li^e 
©elbfigefü^l auffdjiließt unb tx))b^i t)or ft(^ ben ma^ 
iejldtif(^en Slid über ba8 SWeer unb ®enua, unb 
n)ie iule^t bie <3onne fönigli($ aufzeigt über bem 
ÜReer unb ber @tabt, ba regt fxöf fein monarif^ifi^eS 



45 

Zaltni unb bie 9Ronbf(^einetnpfinbungen ftnb \>tx^ 
geffctt, ,,2)iefc tttajejldtifii^e ©tabt!'' tuft er au8, 
,,unb baräber empotiufiammen %lt\^ bem tönigli(^en 
Sag unb batübet ju brüten mit ÜRonarc^enbafl!" 
ie^t fd^eint e8 i^m namenloS gro§, eine ^rone ju 
getoinnen, unb er ijl entfd^Ioffen, JBBo^lan, fo (oUte 
et biefen großen getoagten 6ntf(i^Iu§ je^t loemgjtenS, 
bi8 bie Sntf(^eibung öoUenbet ifl, in unbur(i^bring* 
li^eS @(|!tt)eigen t)er^üUen. Slber bad @4^tt)eigen in 
biefem ^aQe ift i^m gerabeju unm5gU(|. S)a8 gro§e 
©ort f(^toebt i^m forttoä^enb auf ber Sippe. Slid^t 
einmal üor bem ®i)tlm, feinem S)iener, fann er e8 
verbergen; ^at ber OKo^r il^n mit einigen toi^tigen, 
unerwarteten SDienjten übenafd^t, fo mu§ er bem 
ÜJlol^ren, al8 ob er if)m einen ©egenbienji fc^ulbig 
toaxt, %Uxä) nod^ mel^r imponiren: ,,toa8 bir ber 
@raf f(fiulbig bleibt, wirb ber ^erjog hereinholen/' 
Unb toaä er t)om SlugenbliÄ bejlo(^en bem Diener 
auäplaubert, fann er no^ weniger feiner Oemal^lin 
Derfc^weigen: „ge^en ®ie ju ^tüt ®rdfin; morgen 
Will xä) bie ^erjogin wetfen!" „S)ie ®rafen oon 
Saöagna jlarben au8, gürflen beginnen." 2)er 
©ontraft ifl ju mä(^tig, um i^n nxi)t auäjufprc^en, 
niii^t an feinem äuSbrucIe jx^i ju weiben. ©eine 



4e 

^^antojte fpielt mit btefeti SJotfleUuiigen, bic eben 
reife iinb tief gefaxte Sntfii^Iüjfe nid^t finb. Benn 
nur nid^t anbere SorfleQungen tommen, bie tDiebet 
mit feiner {p^iantape (pielen nnb biefe unüermetS 
ablotfen wn i^ren (Sntwürfcn. ^eSfo ijl Iei(|t ju 
bejlimmen, toenn man e8 tjerjte^t, feine ip^antafie 
jU rül^ren. Da8 öerflel^t bie empfinbfarae Seonore. 
aWtt f(^tt)&rmerifii^er ®lut^ breitet fic iai Jb^tt »ort 
®lü(f unb Siebe üor feiner ©inbilbung auS, jleßt 
ifim lebhaft unb innig, mit aller j)oetif^en öeteb* 
famleit, ba8 2eben8glüd ib^Uift^er (Sm^>finbun8en 
öor bie ©eele, unb §ie8lo ift ergriffen unb entwojf* 
net. Sin biefer lodenbcn Sorfleüung f(^eitcm feine 
l^eroifi^en aWorgcnenttoürfe. Gr fäüt feiner ®attin 
fraftloS um ben ^al8: ,,aBa8 l^afl bu gemalt, ßeo* 
nore! i^ »erbe leinem ®enuefer mel^r unter bie 
Singen treten/' Unb töäre nid^t in biefem Slugen* 
Mid ber Äanonenfc^uß gefallen, ba8 B^i^fen bct 
äction, fo |)dtte baS 3bt)ll über ben gelben gejtegt 
unb SBerrina nid^t nöt^ig gehabt, ben ^Jicäfo ju er 
rcinfen. 

3ule^t nod^ ein ^eröorjied^enbeS 3^ug^t§, »ie 
^ieSfo feiner felbfl ni^t mäd^tig genug tfi, um feinem 
großen ^ßroject eine augenbli(fü(!^e 6m^)finbung jU 



47 

o|)fcrn; toxt et 5lllc8 {% nur tti(^t n)a8 er fein foUte 
unb tttSc^te; ein . j)oUtifc|iet (Sbarafter. Sr l)at bent 
2Ro^ren fein ®elj>eimni§ preiägegeben;. bann ^at er 
i^n ^^Uä)t ht^anMt , unb ber TloJ)x l)at i|)n bem 
S)ogett t)enat|)cn, Slbet bet 2)ofte folgt bem JBei* 
fpiele Sllejanber«: ein »rief tt?arnte ben Äönig t)o« 
feinem Slrjte, et gab bem .ätjte ben Sticf, SDet 
spoge tljiüt mef)t; et fc^iift ben ÜKo^ten gebunben 
feinem ^etrn juruÄ — unb noirb bie JBacJit ol^nc 
Seibtoad^e fd^Iafen, Da8 ijl eine gto6mutl)ige %^at 
üon untoiberfiep(i^em Sinbmcl. 3)aiu fommt tt)ie*' 
betum bex (lonttafl, ber ben ©inbtucf tt))b^. S)ie 
SBotfdjiaft be3 2)ogen überrafc(|t ben gieSto mitten 
unter ben SBctfcfitoPrenen , tüie. Mt9 f(|on btteit ift 
für bie lo8bre4)enbe ßntpörung, bie ben !Dogen jlür^ 
§en fott, Unb waä fagt je^t gieSfo? ,,Sin S)oria 
fottte mi^ an ®ro§mtttf) bejtegt l^aben? 6ine %\x^ 
gcnb fehlte im Stamm ber gieSfer? Stein, fo toai)x 
x^ felber bin, ®e^t auäeinanber, ic^ tt)erbe ^inge^en 
unb Sitte« belenncn/' — 0lun baS ijl menfc^lid^ ge* 
nommen fe^r t)ortreffli(^, aber politifc^ genommen 
fe^r unpraltif^ . unb ätoedftoibrig. t^iegfo ge|)t toirt 
lic^ ^in, io6) im ®runbe nur ber ip^antafie n)egen, 
6r loitt ben Dogen bo^ jiürjen, aber oor^er tt)itt 



48 

er ifin loatnen, t>on bem et bod^ totx^, bag et bie 
(gefaxt unb bie Sßatnung k)eta$tet. @t entbedt t^m 
feinen Settatl^, fagt i|)m, ba§ ,,ein ÜWann lebt fut^t* 
batet aI8 bie jutnenbe ©ee, 3ö^<^^« Subtoig ^ieSlo!" 

— unb loeg^alb fagt et bem 2)ogen bad SlOeS? Stur 
um jt(^ felbfl bie ©enugt^uung ju geben: „i^ ma^te 
©tdBemit ®töge toett/toit jtnb fetttg Slnbtea«!" 

— S)iefe ©cene öoQ btamatif(|et, i(^ mbS)tt liebet 
fagen t^eattalif^iet, SBitfung teijte bie $|)antafie 
©(i^illetS fo fefit, ba§ er alle dugete Sebingungen 
lu^n au§et %i)t lie§: toie et fte componitt unb ben 
gieäfa mit bem SlnbteaS jufammengefu^tt ^at lonnte 
toitflid^ nait)et ni^t fein. 2)et ®taf t)on 8at)agna 
etfc^eint bei Sla^t t)ot bem Dogenpalajl unb nimmt 
man mug e8 gejiefien, ben üitjeflen JBeg, um ben 
S)ogen ju fpteiä^en: et fii^eüt! unb bet Doge etfd^eint 
glei^ felbjl.oben auf bem Slltan unb ftagt, toet ge* 
f(^eDt ^at? ©0 gentemäpig beginnt bie Untenebung, 
bie fo grogattig enbet: „totx^t bu m6)t, bag Sin* 
bteaä S)otia a^tjig alt ifl unb Oenua glüdlidji?" 



VL 



anit p^antafttenben gmpfittbungm lägt m 
f(J)tt)ärmen, aber nid^t "^anbcln, 3u großen ^axib^ 
lungen, m\6^t emeuernb unb umgejlaltcnb in baS 
menfci^Iic^e Soeben eingreifen, gel^ören gro^e praftifd^e 
9?aturen, befonnen unb auSbauernb, menfd^en!unbig 
unb ttielterfa^ren, leibenfc^aflliiä^, aber nx6)t tottttx^ 
toenbifd^. a)ie 6arl 2Roor unb ^iegfo fmb baS 
auperjie (Segentl^eil fol^er Sl^araftere. SBirflid^e ^et 
itn bebürfen noc^ anberer Jriebfebern aI8 Smj)fin* 
bung unb ^l^antajte. ®o lange ber 3)id^ter in ben 
2bealen iRouffeau'3 lebt, t!^ut er noo^I baran, tt)enn 
feine Darflellung auf gelben t)erji$tet ®r tt)irb 
jtc^ me^r befriebigen, tioenn er SWenfc^en bii^tet, in 



50 

benen baS ib^flif^e Scbütfm§ mi) Siebe unb 
ni(!^t abgelöjl unb gehört toirb but^ ba8 ^txo\\^t 
Sebürfnil na$ ®rö§e unb SRul^m; in benen niö^tä 
jum Sorf^ein fommt aI8 bie teirfe emj)finbung, 
bie i3eibenf<|iaft ber ^erjen. tüie iRoujfeau jte träumte, 
^ier bel^errf^t nur eine ßmpfinbung, eine einjige 
ßeibenfc^aft ba8 menf(^Iic^e ^erj; l^ier ttjirb e8 lei^t, 
auf bie Oüter ber aSJelt ju öerjic^ten, benn e8 gibt 
für biefe pl^antafirenbe ßmpfinbung nur ein einjige? 
begel^renäwert^eS ®ut: ba8 ift ber einzige ertodp 
ÜKenf(^, ben fie liebt. SltteS Uebrige tt)irb i^x gleii^'' 
gültig unb tonloä. SJiefem ^öii^fien @ut ifi ftc ent-- 
f^loffen, Sltte8 ju opfern, SBJirb biefe Scibenfc^afl 
ebenfo . glücfli^i . al8 fie auSfd&Iiepenb unb fraftöoll 
ift, fo erleben tioir ein 3i>9H in befter Serfaffunj. 

?lber ber Dichter fann fi$ biefe reine ßmpjin* 
bung, bie menf(^lic^:='natürli(i^e, nur üor|ielIen im 
f(^neibenben ©egenfa^ gegen bie eingefül^rten unb 
gefc^id^tlid^ befefiigten ßebenSüer^ättniffe. "^a, er mu§ 
fte in biefem ©egenfa^ beulen unb biegten. Denn 
töcire ber ©egenfa^ nic^t, fo fe!^lte ber ®runb, eine 
natürlid^e unb einfaii^e (Smpfinbung fo unenbli^ |)er^ 
Dorju^eben, fo leibenfc^aftlid^ ju jteigern, unb bie 
befriebigte ßmj)finbung ttjürbe genießen, {tatt in8 



1 



51 

©^tanfenlofe ju p^antafiTen, (Sctabe bttfer ©egen* 
fa^, ber ^^ al8 SDrud geltenb tna^t, treibt bie 
8eibenf(i^aft in bie ^öfie unb läßt pe ben ^[)ojttiüen 
Tlai)ttn berSBelt gegenübet jur negativen ®rö§e 
emporjleigen/ 2luf ber einen ©eite bie reine Sm* 
pfinbung, auf ber anbern beren äu§erfle8 ©egent^eil, 
bie blofe ©elbjifuc^t; bort fallt nur ba8 ^er§ in bie 
SBagf^ale, ^ier nur ber ©ortl^eil, ben ber gemüt^^ 
lofe SBetoerftanb abfc^a^t. ®o tt)irb ou8 bem ®egen^ 
fa^ ein bramatifc^cr (kontra jl, unb ou8 bem '^h^H 
eine Sragöbie, Die 3Slü6)t ber ßiebe Mmpft mit 
ber Äabale, unb ba ber ©tdrfjie, ber äu§erli(^ Tla^^ 
tigjte jtegt, fo ttjirb bie Siebe burc^ bie Äabale Der* 
giftet. Sin Äaüatter unb eine 33ürger8to^ter — 
muffen bie «gelben eine8 SrauerfpielS toerben, iioeil 
fie bie glütflic^en Seute eineS 3^^908 nidjit fein fön* 
nen. ®ie l^aben jt^ jeber in ben anbern !^ineinj)^an* 
tdfirt, bie Saurap^antafie il^reS S)id{iter8 ifl ganj in 
jie übergegangen, i3iebe8romane na$ rouffeau'fi^er 
9lrt l^aben nac^ il^rer Sonart bie beiben ©eelen ge* 
jiimmt. gerbinanb unb ßouife jtnb ni^t8 unb ttJoUen 
ni(f|t8 fein al8 jtt>ei Siebenbe. 6ie berufen jic^ beibe 
auf ba8 SRaturrei^t ber Seibenfc^aft gegen ben 3tt)ang 
i^rer gefeHigen 6tanbe8unterf(^iebe. ,,SBer fann ben 



52 

S3unb jtpeier ^erjen löfen/' — ruft gcrbinanb au8 
— ,,ober bie Sötie eincä 3lctotb8 au8einanbcnei§en? 
8a§ bo(^ feigen, ob mein SlbclSbrief alter ifi aK ber 
9ti§ 2um unenbli(!^en SSeltaQ? ober mein SBappen 
gültiger, al8 bie ^anbfdjirift beS ^immeW in Soui* 
fen8 äugen: biefeS SBeib ip für biefen ajiann!" — 
3n bem Sontrajl jmifi^en Äabalc nnb Siebe liegt 
f)ier ba8 ©elbflbefenntmfi beS 35i^ter8, ber ben 8ie* 
benben eine ^^\xä)t SSelt in fittli(i^en S^Wlbem 
gegenüber jiellt unb biefe eine SSerfi^w drang ma^en 
läp gegen bie fieibenfd^aft ber ^erjen. 

3(^ toiberjief)e mit aWü^e bem SReij, ben mir 
gefleüten ®efid[)t8j)unft einen Slugenblitf ju öerlaffen 
nnb baä bramatifc^e 23äerf in feinen ßinjelnl^eiten ju 
betrac|)ten. Unter ben bramatif(^en 3)i^tungen biefer 
^eriobe ©(i^illerä, b. )). unter benen, bie bem SBaHen* 
fiein öorange^en, ijl Äabale unb Siebe o^ne 3^#l 
bie gelungenjle im bramatifc^en Sinn, ^ier flim* 
men $lan unb Sluäfül^rung jufammen, bie ^anb* 
lung verläuft, bie Sfiaraftere treten l^erüor, tt)ie jie 
©exilier angelegt l^atte; er felbfl ijl öollfommen ^en 
feines ©egenjianbeS unb gehaltet i[)n, ol^ne i|)n 
gegen bie urfprüngUd^e Sonception ju öeranbern. 
(Sr wirb wn bem ®egenftonbe nid^t »iber SBillen 



53 

fottgcttflfm unb^ wn bem Panc feinet 35t$tung a6* 
gelenft 3^ ben beiben fifü^eten Dramen, ben 9ldu* 
Bern unb %xtSlo, tote in bem fpdtern S)on RaxloS, 
öetfinbern jt(^ untoiDfürlic^ bie ^am)tttgutett be8 
©tütfS unter ben ^ftnben be8 Xx^ttti, biefer öer* 
mifd^t fic^ mit if)nen unb tritt mitten in feinen (l))Oi* 
ratteren felbji l^eröor, tt)ie in einer abfi^tSIofen {pa* 
rabafe* 3)arau8 folgt aber m^t, ba§ Stahalt unb 
ßiebe »eniger ein bramatif(|ie8 ©elbfl6elenntni§ bil* 
bet, tJoeUeS bem Di^iter gegenüber felbjidnbiger ba* 
jle^t. 68 iji ein bflrgerlic^e8 Srauerfpiel! S)a8 
ganje ©ujet, ^anblung unb S^araftere waren ber 
2ebett8anf(|iauung unb ber 2eben8erfal^rung be8 ^i^^ 
ter3 t)on t)orn]^erein nd^er gerudt, fte lagen ganj 
in feinem poetif^ien ®ejt(i^t8lreife, fte toaren faßbarer 
für feine {pf)antafie. Darum lonnte er auf biefem 
©(^aupla^e fein bramatif<!^e8 latent ungejtoungener 
unb lei^ter entfalten* ßr ifl me^r in feinem 6le* 
ment unb glei(^fam l^eimifc^ier in ben ®ejlalten fei* 
neS 2)rama8* Die beiben Siebenben reben feine 
©praii^e; bie i^nen feinbli(|ie SBelt toirb öon bem 
3>t(^ter abgebübet, inbem er fte bi8 jur niebrigjien 
»oS^ieit, bis jur dugerfien 8d*erli(]^feit larriKrt, 
b, ^. fte trdgt ben ©tempel feiner ^l^antafie, votläft 



54 

bic ©ejlatten biefet SBclt roxt au8 einem ^ol^Ifpiegd 
jurüÄiDttfl; aber tt)0 et baä ivix%txl\6)t Ztbtn \>on 
entern @(^rot unb Rom gleic^fam in einem Z^^pui 
batfleflt, ba fc^afft er mit öerwanbter unb erfüllter 
{pfiantafie einen wirflic^en S^arafter, ben SWufifu? 
fßtiUtx, eine ber lebenSiooIlfien unb auSge))rägte{ten 
giguren, toelc^e unfere gefammte bramatifc^e Sitera* 
tur aufjutoeifen fiat, jugleic^i ein aWobeH, ba8 eine 
aWenge öon Stac^bilbem bis auf unfere Sage erioedt 
^t, aber leineä, tt)el(^e8 ifim gleist. 

Ueberl^aujjt (man gönne mir bicfe aDgemeinc 
S5emer!ung) i|l e8 ber^^antafie <B6)xUtxi naturge* 
mäi unb in ifirem ®eniu8 begrünbet, ba§ fie in 
f^arfen ßontrajlen emppnbet unb bid^tet: ba8 
bejeit^net im SlUgemeinen eine fc^r i^eruorjie^enbe 
eigentfiümlic^fcit feine8 ®tiI8. Sluc^ feine })rofaif^c 
©^reibart t^eilt biefen Sfiaralter; roai er au$ be* 
^anbelt, jiellt er bar, inbem er e8 mit jtt) eifern ei* 
big er Schärfe fjjaltet, jerlegt, entgegenfe^t , unb 
bie (Sontrafle fjjringen überrafd^cnb l^croor, ni^t al8 
ba8 SBerf be8 müfifelig t^cilcnbcn, bi$otomif(^en 
9Serjianbe8, fonbern im hielten, jtt)angIofen ©^piel 
ber ^fiantajte. (S8 ifl bicfe jtpeifii^ncibigc ©(j^ärfc 
eine 3Kitgift feiner bramatif(|)en Äraft, bie fi6) au^ 



55 

Iogif(^ aniübt SÄuf biefe JJorm feinet pl^antajiren* 
ben Srnpflnbungäweife toütbe ic^ mit^intpeifen, um 
au8 ber poetifc^ien ®emüt!^?ioetfaffung ®(^itter8 jtoeier* 
lei iu etflaren, jt^et eigent|)ümlic^feiten feiner SKufe, 
beten jebe für ^6) eine befonbere, eingel^enbe Untet^ 
fu(^ung öetbiente. 2)et Sonttafl |leigett auf bet 
einen Seite baS Ätaftgefü^I, unb öetfleinett bi? jut 
Setni^tung auf bet anbetn ©eite, toaS bem ftraft* 
gefü^Ie entgegenflefit; fo toitb bet ©onttafl unwifl* 
lütliii^ f<it9rif(^ unb toitft al8 lomifc^e ®ett)alt inbem 
et ^ä) f)iet al8 ^umot, bott aI8 Äattifatut au8^ 
fpti^t. Da^et bie eigentümliche unb untoibetfiel^* 
lic^e aWa^t beS Äomifc^ien, bie Sc^iUet beft^t, bie et 
bei feinen btamatifc^ien Dichtungen unttillfütlic^ ent=» 
binbet, im Ȇben ^umot bet 9ldu*et, in bem fat^* 
rif(^en, fetn^aft gefunbem ^umot be8 3)lujtfu8, in 
bem lächerlichen 3«ttbilbe be8 ^ofmatf(|iall Äalb u- 
f. fw bie et in bet Äapujinetptebigt üoUenbet, um 
fie fpcitet faum mefit ju btauc^en. SBaS ftc^ abet 
mit bem Ätaftgefüfil unb feinen f(|)atfen &onttajlen 
nici^t öetttagt, ba8 iji bie Statut btt weiblichen 
(Sm^pfinbung, aBa8 batum ®(|)illet8 btamatifc^iet Ätaft 
batgujlellen am »enigflen gelingen tooUtt, ba8 »aten 
bie tt)eiblic^en S^ataftete* ©ie fmb namentlich in 



56 

ben lugenblid^en 3!)tc^tungen @^iller8 (Io§e ®egen« 
bilber feinet mdnnlid^en, in i^ter tnnctjlett (Snnjpn^ 
bung bi8bannomf(|i geftimmten ^^antafte, {te flnb 
^^antaftelläde ofine Ieben8t)oae @igent|)ümlt^feit; 
tt)a8 biefer Slmaüa, ßeonore, Souife ^tiß, ba8 ijl 
bieSlatur unb baSlRait^e; ti)a8 fte gemeinfam |)aben, 
ba8 ifi jener 3iig aufpiegenber, im ®runbe eintönt^ 
ger 6(|)tt)ätmetei, bie balb fentimental, balb ^etoif^ 
emjjfinbet unb jtoar in ber mdnnlid^en ©eife ifireS 
S)ic^ter8. — 




vir. 



SWit Äabale unb Siebe jle]j)en tt)tr an bet äu§er«» 
jlen ®renje, too^in bie mit SRoujfeau'8 Sbealen 
ftteiii^gefiimmte ^p^ntafie unfern Dieltet getrieben. 
3ti ben gelben feiner Sragöbien ^at er un8 feine 
eigenen ßeibenf^aften unb ©timmungen bclannt: fte 
»aren aUe im Kampfe mit ber gegebenen, gefc^ic^t^ 
licfien ÜBelt, fie finb aUe an feinbli^ien ßebenäüer^ 
l^dltniffen gefc^ieitert, bie mdc^tiger waren alg fie; fie 
^abtn öergebenS gefugt, bie SBelt ju erneuern, ju 
erobern, ju genießen; bie fieroifd^en Snttoürfe tt)ie 
bie ib^Ilifc^en Srdume finb tragifc^ ju f^anben ge* 
tDorben. S8 mu§ ji^i in ber Seele beS Dichter« 
eine große Ärifi« vorbereiten. (Sr befinbet fi(^ an 



58 

einem bebenflic^iett ©(|eibett)ege* SBenn et ben ®Iau* 
ben an feine Sbeale feji|)dlt fo muß et öetjtoeifeln ; 
tt)enn et biefen Olauben aufgibt, tt)a? »itb au8 bem 
a5i(|itet? St lann feines wn beiben, obet et toäxt 
nic^t bet gtope S)i(|itet, ®ofl et nid^t toieJRouifeau 
untetge^en in einet büfletn, juleftt o!^nmd(i^tigett 
ßebenSanfc^auung, fo mu§ et [x6) öon ifim entfernen, 
inbem et fic^ })o^ übet i^n etfiebt, 

9Ba8 ^aben bie gelben feinet Jtagöbien im 
Äamjjfe mit bet SSBelt öetloten? SDa8 (Sind, ba8 
jte gefu(|it l^aben. SDie ©e^nfuc^t nac^ ®lüd iji ein 
Statutte^t beS aMenfi^en, unb alle "^itaU, bie bto8 
m^ bet 9latut gefaxt unb bIo8 auf bie Statut ^in** 
getic^tet fmb, fuc^en injiinctmä^ig ba8 ®\M, fu^en 
natutnot^tt)enbig i^xt augenblidli^e StfuIIung, 
Unb au<i^ bet 2)i$tet foUte an biefen SRatutttieb, fo 
lebhaft et ifin empjtnbet, gebunben fein? J)a8 t)ct* 
lotene ®Iütf tPdte aud^ füt i^n bie loetlotene Ätäft? 
St mu§te tjctjnjeifeln, ttjeil et nic^t genießen lann? 
Sielmel^t muffen mit ftagen: tt)o tüitb et bie Ätaft 
ju bid^ten n)iebetgett)innen , lüenn et jie im ®enuffe 
üetgeubet, menn et jte im ©Ifltfe öetttdumt? Unb 
ba8 ®Iütf, aI8 bauetnbet B^ft^nb gebac^t, tote bie 
SRatut ifm fuc^t, toie bie SJlatutbid^tet ibn voünföjien 



59 

— biefeS ®Iütf toaxt bcr Untergang aüer menf$* 
li^tn ®t6§e, bcnn e? todrc bie Srf^ilaffunfl unb 
Äbftjannung aller menfc^Ii^en Ärdfte, SBer aber ein 
ßro§er 2)t$ter fein toitt, mufl t)or SlUem ein großer 
3Renf(^ bleiben. Unb in bem ®efü^Ie biefer ®rö§e, 
bie feine SJlatur iji, tt)irb ©c^iHer Serjic^t leiflen auf 
baä ®lfi(f als menfc^Uc^en 2eben8juflanb, aI8 menfc^^ 
lxä)ti SebenSjiel, unb bamit ^uglei^ auf baS ^i\ß 
ber SRatur, ba? ifin üerlocft fiat Gr tt)irb jic^ ein 
größeres 3beal »al^Ien, baS er gewinnen fann, in«* 
bem er baS ®Iü(f entbel^rt, unb nur getwinnen burd^ 
biefe Sntbe^rung, 3e^t fldrt f\^ i^m ba8 Silb be8 
gefii^ic^tlic^en 8eben8 auf, nun er inne tt)irb, ba§ 
fein SBeruf ijl, in unb für bie ®ef(|)ic^te }U lüirfen, 
SBer fiier faen toiU, mu§ ben ÜWutl^ ^ben, nxä)t 
ernbten ju tüoüen. 35ie gefc!^ic!^tlic!^en ©rößen jd^Ien 
ni^t ju ben glücüic^en, aud^ nic^t ju benen, bie ba8 
®Iü(f begefiren. SlUe feine tragifc^en ©elbpbetennt^ 
nijfe famen in bem einen ^ßunfte überein: ic^ lüollte 
^\vidl\6) fein unb lonnte e8 nid^t tu erben! 
S)a8 neue ®elbjibefenntni§ erfldrt: i^ toill nic^t 
glüÄUcli fein unb opfere mein SebenSglüd 
freinjiUig bem ®eniu8, bem ic^ biene! 5Diefe8 
©elbjlbefenntnip ifi eine fii^merjU^e fiolje Sntfagung. 



60 

SBet glücfli^ fein )a>iU, ber Meifte in bcm 3ttlabiett 
bcr Statur; »er fi(^ berufen ^n^U, in unb für bic 
aaSelt ju toirlen, ber tooUe nic^t glüdüt^ fein! mit 
biefem jioljen Sett)u§tfein entfagt ®ä)xUtx einmal für 
immer bem ib^ttif^en ®Ifi(f, ba8 er fo leibenfc^aflli^ 
U^t^xt fiatte. 

9Ctt^ {(^ toar in 9It!abien geboten, 

Stu* mir ^lat bie 9latut 

$(n meiner SBiege ^reuben gugef^woren, 

5luc^ i(^ »ar in Slrfabten geboren, 

^o(^ X^tSnen ga( bet fnrge Sen^ mir nur. 

2)a fleV ic^ fdjfon auf beiner finflern örücfc 
gnri^tbare Swigfeit! 

dmpfange meinen SBottmacfitbrief jnm ®(üde, 
3(ff bring' i^n nnerbro^en S)ir inrücte, 
34 n)ei§ nidi^td t)on ®U(ffetig!eit 

®enie§en Id§t fxä) nur bie ©egentoart. SBer auf 
biefen ®enu§ aSerjic^t leijiet bem bleibt mä)t9 übrig 
als bie 3ufunft, al8 bie Hoffnung, ba§ bie Seiten 
erfüllen tt)erben, »a« toir ©rojeS geVDoUt unb be* 
gönnen fiaben: bem bleibt alfo ni^ti übrig al8 bet 
®laube an bie ®t[6)i6)tt. Unb barin befiehlt 
*ie^t baS ©elbjlbefenntnig beä SDic^terS: 



61 



(Beniese, »er ni^t gfanBen fann, 

S)ie Seite i^ ewig »ie bie SBelt; 

9Bet ^lauBen fann, entbehre: 

S)ie SBettgef^ii^te ifl bas Seltgeriit!*) 



*) @o mu§ bie ,,9leflgnation" 6^iIIer9 toetjlanben tvctben. 3(u9 
biefet Stimmung ijl ba9 meiTwutbige ®eM^t b^^^OTgegangen. Obet« 
P^Ii^ ietta^tet fann t9 toielen aI9 bet ^(udbtud einer grenjenlofen 
Ser^tt^eiflung etf^einen, bie felijl ben lej^ten $offnungdf(^immer aud« 
töfc^t, ben ®Iaitben an ba9 3enfeit9 itnb feine IBergeltung* S3ielme^t 
i^ e« bie f^meTiU^e Gntfagung, toomit ber 2)i^tet IBer^i^t leitet 
aufba« ©lud übetbau|9t: ni(^t lUi (ttie ft(b toon felbjl toei« 
jlc^t) auf ba« ie|t,fonbern ebenfo fe^t- auf baö einjl |u genie§enbe 
®Iütf, tti^t bIo9 auf ben ®enu§, fonbetn eben fo febt auf bie $o|f« 
nung be« ®lüd^. 2)ie Gntfagung ifl tooQfommen. ©tatt )u genie§en 
obet auf ben ®entt§ )u f}o^tn (»ad ebenfalls ®enu§ ift), foQen tvit 
un8 o^jfetn unb btefe« D^fet rein um feinet felbjl »illen bringen. 
3)iefe fittli^ gto§e unb notb^enbige 3Ba|^tbeit »el^e jt^ @^illet in 
feinet IReftgnation mit f(^metili(bet 93en)egung eingeflebt, eben biefelbe 
bc^au)?tet in betfelben 3"t bie lantifc^e ^^ilofop^ie mit ajfecttofet 
Ätt^e. 



vm. 



2)a8 bramatif^e ©elbjlbelenntnij , baS ©Ritter 
in biefem (Stauben looHenbct, ift fein S)on ÄarloS; 
ber etfle ^elb, ben er in biefem ®Iauben l^aitbeln 
Ia§t fein 5pofa, 3n ben SRäubem unb %\tSto toa* 
ten bie ib^Uifc^en unb l^eroifci^en Seibenfci^aften tnit 
einanber loermifc^t in gejlaltlofem SBec^fel, fie be^ 
IdnUJpen jic^ gegenfeitig unb gingen beibe ju Orunbe. 
3n Äabde unb ßiebe lö|le ftc^ bie ßiebe lo8 üon 
allen S3egietben l[)etoifc!^er Slrt unb trat für ftc^ auf 
aI8 bie einjig geltenbe Seibenf^aft, bie nur im S&U 
berflanbe gegen bie 2eben8üerf)dltniffe ber SBelt jur 
lieroif^ien unb tragifc^en ©röge emporfieigt: bamit 
begab fld^ bie Sragöbie t>on felbjl in bie bürgerli^e 



63 

@j)f)äre, ^m Don ÄatloS toerben ^eunbf^iaft unb 
Siebe betbe einem gef(|)i4itUd^en Seltitoede geo))fert: 
bamit etl^ebt {l(| bie Xragdbie t)on fetbft auS bet 
bütgerlic^cn ©pl^äre jur ^lijiotifd^en. 2)icfe SragSbie 
iji baä ®elbjlbelenntni§ be8 35ic^ter8, tt)ie et in jener 
5trifi8 begriffen ijl, beten ®^lu§ bie iRepgnation 
auSfptic^t ®ic betufit fo rtenig auf eigenen Sl^a* 
talteten, baj jte üicimeljit ben ß^ataftet be8 35i^tet8 
in einem SBenbej)unfte feinet (£mj)finbung8tt)eife nic^it 
bIo8 abfj)iegelt fonbetn nad^ bemfelben fi$ »etänbett 
unb glei(|ifam bie (Inttt)icflung8i[)f)afe x\)xt9 Di4ltet8 
begleitet unb mitmad^t. S)a8 bezeugt un8 ©c^iUet 
felbfl in feinen S3ticfen übet S)on Äatlo8. 

35en au8gang8\)unft bet 2:tagöbie bilben Siebe 
unb gteunbf(|)aft, bie bcibe geopfett toetben foUen 
bem gef(|)i(|itli(^en 3beale, tod^ti ben Si^Ip^nft bet 
btamatifc^en ^anblung ausmacht* S8 foll un8 ein 
ßl^ataftet üorgefü^tt »etben, bet butd^ alte äu^etn 
unb innetn Sebingungen beflimmt ip, eine gto§e 
gefc^ic^tlici^e Slufgabe ju löfen, unb nut butc^ eine 
cinjige Seibenfc^aft bat)on jutüÄgel^aften lüitb; biefet 
©fiataltet foH batgefleHt tt)etben, tüie et fxä) üon jenet 
Seibenfci^aft teinigt unb fein petfönlic^e8 ©lud frei* 
tt)iUig feinem gtogen ^totit aufoipfett. 35a8 tt)atbe8 



64 

Di(|itet8 auSgefptod^ene abjtd^t S)er ®eijl bet 9lc* 
jtgnation fi^iocbt übet bem ©aujcn, 5ine8 Sl^^Kif^« 
tritt in ben ©Ratten unb ijl beftimmt, öcriaffen ju 
werben, S)ie Sonart glel^fam, au8 ber bie Sragöbte 
fpielt liege jt^ mit ben erjlen SBotten berfelben au8* 
fptet^en: ,,bie frönen Sage t)on Slraniuej 
ftnb nun ju Snbe!" — 

SBa? aber lonnte ben S^fönten t>on Spanien, 
ben ©o|in 5P|)iIipip8 IL vermögen, toeltbcgtutfenbe 
5piäne ju faffen, eingef<!^ränft auf8 dugerjle tt)ie er toar 
burc^ ben poütifci^en, geifllic^en, l[)du8U(^en DefpotiS* 
mu8 feines 9Jater8? 5Diefe ^italt mußten frü^ in 
bie Seele be8 ^Prinjen niebergelegt fein; baju fanb 
ber 35ic^ter !einen anbern 9Beg al8 bie ijreunb* 
fci^aft, ^ai gef(^i(|itlic!^e "^ital üon gürfiengx5^t 
unb SBölfergiüÄ unb SBeltemeuerung tt)irb in feinem 
Urfprunge tJorgejieHt al8 ein ent^ufiafiifc^er ^^eunb* 
fc^aft8enttt)urf, ben jtt)ei Söng^inge träumen, ben ein 
ent^uftafl en^ünbet in ber ©eele be8 Äönig8fof)ne8, 
ber bejiimmt iji, ben erflen 5:^ron ber SBelt einju* 
nel^men. S)em ÄönigSfol^ne gegenüber pefit biefer 
greunb unter ganj anbern SebenSb^bingungen: eine 
urfprüngli^ ibealif(|ie ©eele, bie jtc!^ frül^ mit großen 
entwürfen ^erumtrdgt, unter ber 3u(i^t eineS DrbenS 



65 

fx^ getoöl^ttt, i^re perfdnli(^en Steigungen bem ®e* 
meiniwed ju untertoetfen, imS) SBetterfa^tungen unb 
Seifen bie menf(|iU$en Biiffänbe lennen lernt, unb 
bie aSJelt überall mit bet Sinbilbungäftaft be8 D»)* 
timijien httta6)ttt, ber an ba8 ®ute in ber 3BeIt 
unb barum an ba8 öepe im ÜWenfd^en glaubt, 
Ifiatenlujiige Äül^n^eit unb mdnnli^e ßebenäetfal^rung 
begleiten biefe jugenbUii^e ipbantajic unb geben x^ 
einen gett)ifl[en SluSbrucf öon SBefonnenl^eit unb SReife, 
ol^ne jte in i^ten glütflit^en Snttoürfen ju jlören» 
Slu8 \ol^tn SBebingungen, bie fi^ jum ©l^araftet 
eine« SBeltbürgetS toeteinigen, entfpringt in ber ipf)an* 
tajie (B^xUtxi ber ÜÄalteferritter 9Jlarqui8 $ofa. 
9lnfdngU(i^ neben Äarlo8 gepeUt al8 eine ^ilfSfigur, 
bie ber 35ic^ter brauc!^t, um ba8 gefc!^i(i^tli(!^e "i^ital 
in bem Äönig8fo|)ne ju befejiigen unb ju erhalten, 
rcijt biefer ißofa, Je me^r er fx^ entfaltet, um fo 
me|)r bie iß^antape feine8 SDi(^ter8. SDer SBettbürger 
fef[elt fie mächtiger al8 ber 3«Nt. fie finbet :^ier 
x\)x tt)a^lüertx)anbte8 Sbenbilb, unb ber 5Dic!^ter fotgt 
biefer feiner S^eilna^me, biefem feinem ^)oetif(|)en 
»ebürfniffe, b. ^. fi^ felbjl me^r al8 bem ^roiect 
feiner Slragöbie, Die ^ilf8figur tioirb untt)itt!ürli(|> 
jur §au^)tfigur; gegen bie urfprängli(|)e SInlage be8 



66 

©tüd« tritt ÄatloS jutütf unb «pofa in ben SWittel* 
punit be8 ®anjcn. S5rau(^t e8 einen jidrfern ©e* 
tt)ei8, no$ ba^u unterfingt bnt^ @^iQer8 eigenes 
3^ugni§: ba§ e8 bet S)i4itet iji, ber in feinen bra* 
matif(|ien Sfiaraftercn fic^ abbilbet ba§ biefe Sragobte 
fein @elbjlbe!enntni§ bilbet? 

3n ber S^at trägt biefer ^ofa burd^gfingig bie 
©(puren einer ^^antape, bie eben erjl bas arfafcien 
bet Statur üerlaffen, eben erfl ben ernjien ©(|aupla^ 
ber ®t\6)x^it betreten fiat, 35ie 3latur fiat er fiinter 
ji^, aber baS Slrfabien If^at er bel^alten. ®r über* 
trägt ba8 Sb^tt ber 5Watur auf bie gef(|)i(|)tU$e SBelt, 
auf bie 3ufunft ber aWenfc^^eit 2lber biefe Statur* 
form J3a§t ni(|it auf bie &t\S)i^k: toeber ijl ia9 
3iel ber ®t\^i^tt bie bloje aSBeltbeglütfung, tio^ 
toeniger läßt fx^ biefe8 ^xü, njenn e8 überl^au^t 
mögli(^ tt)äre ober auc!^ nur tt)ünfc!^en8tx)ert^, plö^li(!^ 
erreiii^en unb tpie mit einem Schlage. Unb ^ofa 
tt)iU beibeS. 3^ biefem Sinne beurt^eilt ijl baS ge* 
f4iic^tli(^e 3beat ^ofa8 n)irllic^ ,,eine fonber&are 
S(i^tt)ärmerei". 3Ran n^enbe mir nici^t ein, baß er 
felbfl erflärt: ,,ba8 ^^^^^^i^^^^ri ifl meinem 3*>^al 
ni4)t reif, i$ lebe ein Sürger berer, m\6)t lommen 
tt)erben!" ein änbere« ifl tt)a8 er fagt, ein 3(nbere8 



67 

toaS et tl^ut. @t etfldtt e8 bem Jt5ntge gegenüber. 
6r finbet in feinet ^politil ®tünbe, bem Äönige ge* 
genubet ftc^ bis auf einen gen)iffen ®tab jutudiu« 
l^atten, ober et todte ntel^t a(8 unflug; et finbet in 
feinet . ip^antafie ben i^t natutli(|>en {Reij, feinen (Jon* 
ttajl mit bem 3ö5^^unbett ju genie§en, inbem er 
f4 mit ©elbjigefübl auf bie ^ö^e bet 3ulunfl jleOt, 
obet et tt)dte ni^it bet ib^Ilifc^e SBeltbfitget. 

®efe^t abet au^), ein foI(fiet SBeltpIan, \t>xt ^ofa 
im Sinn l^at, tt)dte mögli^, fo »dte et ni$t bet 
SKann, biefen 5pian auSjuful^ten. Denn bie 9lu8=» 
fübtung ^inge batoon ab, ba§ bie tiii^tigen, bie einjig 
m5gli(i^en ÜJlittel etgtiffen tt)etben mit fejtet ^anb, 
o^ne jebe ©c^tpanfung. ^ofa8 ganjet ^\an iji in 
feinet t)olitifc^en 3(u8fi(|it auf ÄatloS geflellt, bet i^n 
öettoitHi^en foU al8 bet ßtbe be8 mdii^tigjten SReic|)e8; 
bet ganje ^pian betu|)t auf biefet JJteunbfc^aft ixou 
f(|en bem SBeltbütget unb bem S^fanten. S8 bütfte 
alfo ni(^t8 gefi^e^en, ba8 Äatlo8 auc^ nut einen 
Slugenbliä itte maci^en fönnte an feinem ^ofa; am 
wenigften bütfte e8 ißofa felbfl t)etf(^utben, Slbet 
bie ^^antafie !Pofa8 ijt mdc^tiget aI8 fein ipian, 
unb feine ^l^antafie ift ju jung unb ju betpegliii^, 
um bet 9Jla(|it eine8 unbetec^neten unb t)etfüfitetifc^en 



68 

SlugenblitfS ju toiberfte^en. Dicfet ^ofa l^at no^ 
etoa? mitgenommen uom tJieSfo. Der gange ?pian 
f^eitert an einem ÜÄoment ber (pofa8 ^^antajie 
übemältigt T- JDer Äönig toitt ben aRalteferritter 
fprec^en. 9Son ©orgen gequält, bie weniger ben 
Äönig al8 ben SKenf^en betreffen, aufgeregt im 3^* 
nerjten üon ber ?lngji um bie Irene ber Königin, 
erfd^üttert wn ber g^urc^t eine? aJerlufle?, ber i^n 
bef(^impft, fül()It ft^ ber 2Wonarc^ in einer unge^ 
noö^nli^en, bangen Stimmung, ido i^m baS Tttnf^^ 
\\i)t n&\)tx fle^t als fonji. (Sr bürjiet na$ einem 
SRenf^en, na^ einem ^Jreunbe, bem er ganj t>er* 
trauen lönnte. Unter feinen Höflingen finbet er 
feinen. Sr finbet leinen, an beffen Uneigennü^igfett 
er glaubt. Die ßerma, Domingo, Sllba {tnb i^m 
un^eimli(^ gelt)orben. Da lieSt er auf feinen ®e*^ 
bac^tni§tafeln ben 9iamen ^ofa: ein üKann,- ber 
bem Staate Dienfte öon SJBi^tigleit gefeijlet unb nie 
einen Sol^n begehrt l^at, ben tapferjlen (Ritter i>on 
üWalta, ber bie ^Jefte ®t. 6lmo gegen ©oliman t>er^ 
t^eibigte unb ber le^te ft)ar, ber fte t)erließ. 35ie 
©rauben fennen ben üWann, jeber rebet ju feinem 
Jlufime. SÄUeä ba? reijt in ber Stimmung, toortn 
er ift, bie ?p^antafte beS Königs. !Pofa !önnte ber 



69 

Wtam fein, ben er fu^t ben et brauet (Sin un< 
gen)ö|)nH$e¥ SKenfi^ if! er gett)i§ unb gett)i§ ein un« 
tigennü^iger d^aralter. Sa» ber fiönig Don menfdji* 
Ui|er 2:f)eilna^me unb, \^ mb^it fagen, ij^oetif^et 
9(ufmerffamfeit für einen aRenf(!^en au^un^enben l^at 
rietet jt^ in biefem SlugenWid mit begieriger ®j)an* 
nung auf biefen ^ofo. Unb in biefer ©timmung 
tritt $ofa t)or ben mä^tigften Jl&nig ber &^ri{ten« 
l^eit. UntoiUfürli^ ergreift i^n bie üRad^t be8 unge* 
A)ö(nUd^en ^ugenblid? , ber IReij biefeS ungefieuern 
<£ontra{te8: ba§ er, ber äSeitburger, bem größten 
3)efpoten ber Sßelt gegenüberlieget in einer 0td^e, bie 
ber Äönig felbjl eine üertrauli^e fein IdBt UnmiH* 
Ivixliä) tmp^nitt er bie feltene, gehobene ©iintmung 
be8 3Wonard{ien, bie fxi) ibm unn)ittfürtt^ mitt^eilt. 
Smmer erfüHt öon feinen 3bealen, immer erfüDt t>on 
bem SBilbe eines prflen, ber mit mdi^itiger ^anb 
ou8fu|)ren tonnte »aä er benft, jte^t er p^ je^t mit 
einemmal Dor bem aWanne, ber fagen lann: ,,in 
meinem Steige gel^t bie ©onne ni^t unter!" 3)a8 
tfl ber ?lugenblid, ber feine ip^antafie überwältigt 
3tx^ti ftef)t biefem 5Pofa a^nlic^er al8 ba§ er fagt: 
Ji) bitte mic!^ ju entlapn, ©ire! SWein ®egen^ 
Jtanb rei§t mi^ bal^in. SWein ^erj ifl üoll 



70 

— ber SReij }u mddjitig, toor bem Sinjigen 
ju jic^en, bem i^ e8 öffnen mödjite/' Unb 
fein ©egenjlanb reißt i|)n noitfli^ ba^in. ßr öffnet 
bem Äönige fein ^etj. Unb ^WW P^*^^* ^^^ ^^ 
fu4>t: einen 3Jlenfd{ien, bet il^m beibe? jeigt, t>oU* 
lommene Uneigennfi^iglett, benn et noill nid^tS t)on 
il^m l^aben, t)oU!ommene8 SBettrauen, benn et ^at 
i|)m feine innetflen ®ebanfen offenbatt. S)iefen SWen* 
fi^en fann et nur füti^ten obet lieben. 2)a8 Ser* 
ttauen entwaffnet feine ^Vix6)t St toill i^n lieben, 
et foU fein ^teunb toetben, in feine ^dnbe legt 
ip^iliplp feine ge^eimjten ©otgen, bie 6^te unb ba? 
©^idfal feines ^aufe«. ,,5Det (Rittet toitb Iflnpig 
nngemelbet öotgelaffen." ,/S)a9 Stx6)m meinet Wnig* 
li^en (Sunfl foU l^iell unb Hat auf feinet ©titne 
lenkten/' — 35iefet ÜWoment ]|)at ?Pofa8 ganje ©tet 
lung öetdnbeti 3e^t fielet et mit einemmale felbft 
bem j^önige am na^flen unb nä^et al8 £atlo8. 
3e^t lann et felbjl bet mä^tige ÜWann toetben, bet 
fonji nut Äatlo8 fein fönnte. 3^^t töttn et au8^ 
füllten tt)a8 et enttootfen, unb auf bem !ütjejlen 
iSJege — but^ ben Äönig felbjl. ©eine ^^antajte 
ifl etfüllt unb gef)oben \)on biefet plö^li^en Otö^e, 
bie feine ipidne begünjtigt: „i^ fu|)te feine Siegel 



71 

unb feine Sllba jtnb m(ä^t nte^r!" — 3^1 biefem 
augenblid tritt ftatIo8 in ben Statten. $ofa tt)&^It 
jtoif^en |i(| unb bem Infanten, jtoifi^en feinet (po*» 
litil unb feiner ^leunbfiS^aft, unb e? gibt in feiner 
©eele einen aWoment wo er ber {Jreunbfc^aft feine 
^olittf Dorjiel^t. Sr fagt bem ^reunbe nichts öon 
feiner Untenebung mit bem Äönige, nid^tS öon feinen 
Slbjti^ten: er l^üUt fi(^ in ein ge^eimniit)olle?, bem 
Jteunbe unl^eimli^eS 2)unfel; er l^anbelt allein 
o|)ne ben Jreunb, unb Raxloi, ber fl^ t)on ^ofa 
üerlajfen glaubt — bem einiigen, bem er fxä) gauj 
l^ingob — öertraut p^ je^t ber ^ürjiin 6bott an, 
bie i^n t)errat^en, 3e^t \6)mt er \)erIoren im^ 
$ofa8 mittelbare ®$ulb. Soll er gerettet luerben, 
fo fci^eint nur ein einjiger Sluätoeg möglid^: ?Pofa 
tnug in ben ?lugen be8 ÄönigS ber ©ci^ulbige »er* 
ben, er mu§ fc^einen ma? Äarlo8 gegenüber ber Äö* 
nigin ijl, er mu§ pc^ für ben JJreunb o|)fern unb 
im ijreunbe für feine ^italt. Unb baS war öon 
je^er ba8 eigentU^e 3irt, ba8 i^m immer \)orge^ 
f(^tt)ebt ^at, bag er je^t fd^neU unb leibenfc^aftlicl^ 
ergreift: für ettoa? ®ro§e8 ju jlerben. I)iefer 
unbejiimmte 2)rang, für eine groge Qa6)t in ben 
Sob {u ge^en, ^at ben Jüngling t)on ^tcak na$ 



72 

Wläüa getrieben auf bie ^ft^e t>on ©t, (Slmo, unb 
treibt i^n ie^t baju, fx6) fci^neK unb o^ne Seftnnung 
gu ojyfetn. (gt jiirbt für Äa<Io8, feinen ^Jreunb, unb 
beult babei an glanbern unb Särabant (Sd toar 
nid^t ndt^ig, ba§ er ftarb, aber ed noar im @inne 
beä SDi^terä ri^tig; ber Dijpfertob toar für ^o\ai 
^^antajte untoiberfle^üc!^- 3)ie Ädnigin |)at i^n 
bur^fdjiaut, toenn fie $ofa gegenüber erHärt: 

,,eie fiüraten ft(^ in biefe ZW, bie eie 

dxfjahtn nennen* IBeugnen ®ie nur ni^t 

3(^ fenne 6ie, ®ie ^a&en längfi barnac^ 

®ebür{iet SJldgen taufenb f^er^en irreren, 

SBaft {flmmert €ie'e, wenn ft^ 3^r ©tol^ nur »eibet 

£) je^t — je^t lern' ic^ 6ie »erfle^n! 61 e l^af>tVL 

9lnx um Sewunberung gebuhlt" 

Unb ipofa mug |td^ bettoffen gefielen : ,,Darauf 
tüar xS) ni(!^t tjotbereitet." 6ben fo richtig pe^t 
^J^ilipp, ba§ eS ÄatIo8 nid^t allein toar, für ben 
^ofa gefiorben. ^n bem SKunbe biefeS ^^SKenfi^en* 
lennetS" miU Sd^tHer fein eigene? Urtfieil wn bem 
gelben beä ©tücfeä niebergelegt ^oben: 

„ — Unb tt>em bra^t' er bie» Opfer? 
S)em i^na^en, meinem So^ine? 97immerme^r. 



73 

3(^ gtanb' ed iti^t; für einen ItnaBen ft\xf>t 

din $ofa ni^t 2)er ^reunbfc^aft arme %{ammt 

pQt eine« (ßofa $erg ni^t au«. £)ae fdSfiug 

2)er ganzen STlenf^^eit. ®eine 9leiQung war 

2)ie Sßelt mit allen (ommenben <9ef(^(ed^tern." 

?Pofa jiirbt ni^t toxt ein ßato. (är jlitbt für 
ba? 3beal einer gefiö^ii^tü^en SBelt, bie er ibt)nif4> 
träumte- 3lber für eine ibt)IIif^e $^antafie mit il^rer 
9laturfe^nfu$t na^ bem ®Iäd, au$ toenn fte no^ 
fo l^eroif^ aufitrebt, beinah ba? Seben immer feinen 
SReij. Unb fo f^eibet !Pofa ni(!^t mit jicifi^^^falter 
entfagung abgetoenbet öon ber ©elt, fonbern mit 
einem fc^merjlici&'toe^müt^igen SliÄ auf ba? Seben. 
®o lautet fein Ie^te8 ©elbjibef enntni§ , toomit ber 
bem Job ©etoei^te bie Königin öerldit: 

„O Hdnigin — ba» IBeben ifl bo^ f4^5n!" 



'I 



IX. 



3>n feiner ,,9lefignatton" l^at Schiller ba? 
natürlii^e S^eal bem gefd^ic^tlici^en , baS ibpDifi^e 
®Iüd ber menfdjiüd^en ®tö§e geopfert 3n feinem 
$ofa ^at er biefeä Dp\n tragifd^ befldtigt. ©eine 
$]^antafie njanbert aixi auf ben ©ci^aupla^ ber 
SBeltgefci^ici^te, it)o fic^ bie großen ©efci^ide ber 
üWenfc^^eit erfüllen. 916er toie ^ofa mit bem Se* 
fenntniffe in ben Zoi ge^t: „ba? ßeben iji boc^ 
f(|)ön!" — fo f^aut biefe ipfiantafie no^ einmal 
jurüÄ auf bie Jiifl^nbibeale, bie fie üerlajfen: auf 
bie vergötterte Statur, t)on ber pe je^t ben legten 
f(!^merjli(^en 2lbfc!^ieb nimmt. 2)ie vergötterte SRatur 
tfl nidfit mel^r be8 Dieter« eigene Smlpfinbung, bie 



75 

ifin U^m\6)t, nid^t tnel^t fein ®Iaube, fonbetn jte 
jtel^t fi^on toeit toon i^m ab in gef^i^tU^er ^ttnt. 
@ie ifl ein frembet, Dergangener ®laube, ben er felbjt 
nii)i treuen !ann no$ toill, aber no(^ ffi^It er feinen 
Sauber noie eine S^genberinnerung unb mit biefer 
9lbf^ieb8flimmung ipreiji er ba8 SBeltalter glütfli(|, 
ba? in jenem Olauben leben unb bie Statur Der* 
göttern burfte: ba8 fmb bie ®ötter ©rieben- 
lanb« in ber ^l^antafte ©filier«! 

S)iefe8 ®ebi(^t ijl fein Jg>t)mnu8 auf ba? ^et^ 
bent^um, toie man e8 übel üerjlanben ^at, e8 ijl 
melme^r eine Slegie: jeber Son barin iji ein Älage^ 
laut. S)er J)i^ter felbjl tt)irb ni^t fro^ im ®enujfe 
ber grie(!^if(!^en ©cbön^eit; bei jeber SSorflellung ber 
grie(!^ifö^en ®5ttertt)elt fül^It er jugleic!^, ba^ fie ni^t 
me^r iji, nici^t me^r fein fann. fi&ai i^n innerli^ 
betoegt, ijt nii^t bie befriebigte Slnf^auung jener 
glüdli^en 3t^^ale, fonbem e8 iji ber ©ontrafl jtoi^ 
fcj)en jener Jffielt unb ber feinigen, jtoifi^en bem 3^tt 
unb bem SDamalS: ,Mt ganj anberg, anber« Ä)ar 
e8 ba, ba man beine lemjpel no(^ beirdnite, SBenu8 
Slmat^ujia!" 35iefer ßontrafl, elegifc^ em^)funben, 
bilbet ben ®runbton be8 ganzen ®ebi(!^t8. ©er 
biefen ßontrajl fo leb^ap fül^lt unb bie t)ergötterte 



7«. 

Statur mit bet entgöttcttm öetgleld&t, um nur l^en: 
©ontraji beibcr fienoorju^eben unb {t(| felbfl immer 
fd^ärfer fu|)Ibar ju maii^en: felbjl toenn er nodji fo 
f^merjK^ jenen ®egenfa^ emu^finbet, no^ fo fef^n« 
fftd^tig bie ©rieben glüdlid^ ))rei{l, ber l^at bie ttn« 
f4iulb unb ba9 ^arabieS biefeS Glaubend längji t>ex:« 
loren. SDie ®ötter (Sried^enlanbS ftnb ein ©ebic^t 
ni^t öom ^arabiefe be8 ^eibent^um?, fonbetn \>om 
verlornen ^arabiefe bejfelben. üRit einem fi>Ätem 
9lu8brude ©c^itter« möchte x6) fagen: ,,5Die ®runb* 
empfinbung in ben ©öttern ®rie4^enlanb8 ijl ni(ä|>t 
.,nait>", fonbetn ,,fentimentalifä{i". yH^i ber ®enuS 
ber grie^if^en ®öttertt)elt, fonbern bie ©e]^nfu(ä|>t 
barna^ unb ba8 a3ett)u§tfein i^re? Serlufteä erfuUt 
unb jiimmt bie ^^antafie beS ^x^ttxi. 2Ba8 il^n 
gewinnt ba8 ijl weniger bie religiöfe al8 öielme|)t 
bie äjibetif^e unb fünjllerifc^e eigentpmli(^fctt 
biefer ®öttertt)elt: ni^t ber ®Iaube, fonbern bie 
^^antajie, bie fi^ in biefen ©ebilbcn toerlörpert 3>a8 
SReIigi5fe unb flpecipf^ ^eibnif^e ijl l^ier nebenfäc^ilic^ 
unb fecunbär. Unb toaS ijl bie ^auptfai^e? ©djiiUer 
finbet ober glaubt in jener »ergangenen ^^antajie* 
mit ju finben, roai er felbfl au8 eigenjlem Drange 
tjergebenS gefugt ^at: ein t)oU!ommene8 Sb^II, 



77 

bargejlcllt unb üollenbct in ^crotf^en ^})a^ 
talteren, ein ^etoif^icS ^bt)!!, ein %\üiü^t9 
^etoent^um! Diefe Sereinigung be8 Sbt^Difc^en 
ünb ^eroifc^en, n)orin ji$ bcibc üoUenbcn, toat ia^ 
mal8 ein ©egcnflanb feiner inner jien ©el^nfuc^t; jte 
tourbe fpdter eine betDU^tc Aufgabe feiner Äunjl. 
S)arum mai^te ©filier ie^t au8 ben ®öttern ®rie^ 
^enlanbS eine (Slegie; barum tooUtt er f^jciter ben 
^erfuIeS jxim ©egenjianb eine? "^Ui machen, er 
xooUtt barin felbji bie ?lufgabe löfen, bie er in feiner 
Slb^anblung über naitje unb fentimentalifcf^e Di^* 
tung bem Äünfiler jleUt: ,,er mai)t \{S) bie Slufgabe 
einer ^itße, toelc^e ben SWenfc^en, ber nun einmal 
mi)t melpr na^ Stria bien jurücf lann, bis nac!^ 
ei^fium fü^t/ ?(uf bag Slrfabien l^at er bereits Ser- 
iiä)t geleiflet Sr fe|)nt fi^ nad^ ber ffielt tt)o bie gelben 
ibt)llifd^ leben, too bie ®otter menfd^lic^er nod^ t^arenunb 
bie 9Kenf(!^en göttli^er. Unb bie ®ötter ©riec^enlanbS 
jinb ba8 Selbftbefenntntß bieferßmpfinbung. aWanfann 
au8 bem ®ebic^te felbfl beuttic^ ertennen, ba§ biefe Sm*» 
^)finbung in ©c^iUer bie erfte unb mdc^tigfie iji. 9Bo 
i^m in ber S3etra$tung ber grieci^ifc^en ®5tterh)elt 
jene SBermd^Iung be8 3bt)Hif4l^ii ^^^ ^eroifi^en in 
größter, glei^fam bramatifc^er, 8eben8füUe entgegen*' 



78 

lommt, ba toirb feine 3)i(|terlraft ganj öon btefet 
toemanbten SSotjieDung erfüllt, ba [(i^toeigt auf einen 
ÄugenMid bie eiegie, unb ba8 ®ttx^t roxxi in bie» 
fem ^ugenblide n)irni($ jum ^^mnuS. SBie ein 
j)IafHfd{ie8 SBilb pellt er bie Srf^einung wt pd^ l^in, 
felbjl ^ingerilfen unb beglüdt t)on bem SBilbe beS 
ib^Uifci^^^eroif^en ßeben?, baä fi^ in feiner Ätafi 
unb nWanni^faltigfeit öor i^m entfaltet Die leben* 
bigflen unb feurigjien aWomente in ben ®5ttern 
®rie(^enlanb8, bie ben 2)i$tet felbfl in ben SoKge* 
nu^ feiner poetifd^en Ärafl bringen, jinb bie ©^)iele 
unb bie 3>ion^fien! 



dure Xemvet laä^Un gtei$ $a(5flen, 
duc^ )>er^errlic^te ba0 f^elbenfpiel 
^n be0 3fi^i^tu6 !ronenrei(^en geflen, 
Unb bie Sßagen bonnerten sunt ^UU 
@c^&n gefc^Iung'ne, feelenvoQe S^finge 
jtreiflen um ben ))rangenben %itax, 
(iure ©(^(äfe fc^müdften ©iegedfrSnae, 
Äronen euer buftenb ^aax, 

2)e8 d»oe munt'rer X^^rfuSf^wfnger 
Unb ber fpant^er pra^tigc« ©cfpann 
SWelbeten ben großen greubebringer, 
^aun unb ^at^r taumeln i^m voran ; 



79 

Um i^n fyrUtgen rafenbe SR&naben, 
3(re £5nse (o^en feinen SBein, 
Unb bie SBangen be0 Sen>irt(erd laben 
Snflig sn bem decket ein. 

68 begreift jt(!ji toojfi, tote Q^iUtx au8 inner«» 
jlem, rein menfi^Ii^em SBebürfnig fie^ feinte naci^ 
ier QlixSli6)tn SBereinigung be8 3i^9Mifi^en unb ^e^ 
xo\\i)tn. 2)iefe SSereinigung burfte ibm in ber If)at 
al8 ein bege][)rett8iDert]^e8 3cttf<rtt8 feinet ^^antafie er* 
fi^einen. /Denn bie eigene $l[)antajie, toie jte einmal 
gepimmt toar, lebte eigentUc!^ in bem Sontrajle bei* 
ber, ben {te in immer neuen formen tragif^i au8 
fi(^ "^eröorge^en Iie§. I)a8 iji ein ^ert)orfte^enber 
3ug feiner poetif^en eigentl[)ümlic^!eit überhaupt, 
ber il^n niemals öerlajfen ^at. Sr fann ba8 ^eroi* 
f(|)e ni(i^t o^ne ba8 SbpHifiS^e üorfiellen, er mu§ bei* 
be8 tjereinigen, entgegenfc^enb unb ergänsenb, Srfl 
fo t)onenbet unb erfüllt jt^ i^m ba8 poetif^e ®e* 
mcilbe. S)iefer ßontrafi, ber jugleic^ eine Srgdnjung 
bilbet, iji unb bleibt feiner (poetifi^en SmpfinbungS* 
»eife h)a|)lüerit)anbt. aWit Vorliebe tt)äp er fi^ 
Stoffe unb S^arattere, bie jenen Sontrajl enthalten; 
tpenn jte i^n nic^t enthalten, fo bici^tet er bem ^e* 
roif^en ba8 Ji^^flifc^^ ^inju. So biegtet er jum 



80 

aßallenfletn unb DctaDio SDla; unb 3:^efla, itotx 
glücfli^ ßiebenbe auf bem finjiern ©d^auipla^ frinb* 
feiiger unb jetjlörenber SWä^te, ®o ijl ^eto unb 
Seanbet für biefe ^p^antafie ein toa^toettoanbter ®e* 
genflanb, {loei glüdlii^ Sie^nbe, aber jtoifd^en il^nen 
bet ^eÜeSpont: ^bet l^ai nie ba8 ®lüd gefojlet, bcr 
bte 5?tu(^t be8 Fimmel« ni^t an be8 ^öttenfluffe« 
fi$n)axjem, f(|aubert)onem Slanbe bri^t!" — Sin 
ibt)flif(!^*tt)eibU$er S^atafter, bem eine ^elbenaufgabe 
geiteüt iji, eine ^elbin, bie mitten im ©iege tnU 
toaffnet toirb wn einet rein toeibli^en ßmipfinbung: 
toxt bie S^ngfrau üon Orleans, Ober eine Äönigin, 
toie aWaria Stuart bie mit allen Talenten unb Sei* 
benfi^aften einer toeiblicä^en SRatur ju toeibli^ iji pir 
eine Königin, bie nur bejaubern fann, aber m<^t 
Ipertfc^en, unb nur im Seiben ^etoifd^ toirb. 



^0^ festen tüit jurücf ju ben ©öttern ©rieben* 
Ianb8 unb ju bem ©clbflbefenntnig, baS ji(| in ber 
©runbfiimmung biefeS ®ebi($t8 auSfpriii^t. I)er 
fc^metjlid^ empfunbene ©ontraji befielt jtoifc^^en bem 
3e^t unb bem 2)amaI8, jtt)if$en ber fc^^önen SBelt 
in ber ipi^antajte eine? tjergangenen B^itattetS unb 
ber toirflic^en SGBcIt in bem Serjlanbe ber ®egen^ 
toari 68 iji ein bopipelter ßontraji, ber in biefem 
(Sebic^te bie Sm^pfinbung ®(^iller8 burc^bringt, unb 
ber jic^ un8 ergibt, tioenn h)ir bie le^tere jergliebern. 
S)ie griec^if^e SBelt im ©egenfa^ ju ber unfrigen: 
ba8 ijl ber erjie Sontrafl, mit bem ba8 ©ebic^t U^ 
ginnt. Unb barauS folgt unmittelbar ber anbere. 

6 



82 

3)ie %x\t^i\^t aSelt gilt bem 2)i(3^tcx aI8 bic reine 
ip^atttajietpelt, unb fo entfielt il^m ber toeitctgtcifenbe 
©egcnfa^ jtoifd^en fßl^antafie unb SBirflii^fcit übet* 
|)aupt }tt)if4>en ^Poejie unb Seben. 3)a8 ijt ber gtoeite 
©ontraji, mit bcm baS ®ebid^t cnbet: ^SBaS un^ 
jlerblic!^ im Oefangfoll leben, mu§ im Stt^eu 
untergeben!" ®o toxxi ber Didjiter offenbar bie^eS 
unjlerbli^e Seben in ber 5p]|iantafie, in berDi^tung. 
in ber Äunjl ergreifen unb fx^ abtoenben clegiftj 
ober ironifc^, toie ti feine Stimmung mit jt^ bringt 
t)on ber ©egentoart unb bem toirüici^en Seben? SBie 
er einfl bie Statur ber gef^ic^tli^en SBelt ftaftoott 
entgegengefe^t, fo ttjirb er je^t bie ipoefie bem Seben 
entjiel^en unb bamit fein eigenes Seben abtrennen 
gleic!^güUig unb erfolglog \)on bem feine? ®ef^U^t8? 
6r foll im Srnfte ber Äunjl feinen ©Tauben an hie 
®ef(!^ic^te o|)fern? Stein! 3n ber Seele biefe« Diä)- 
terä fann biefer 3^i^fpöK feine bleibenbe Stimmung 
fein: fie toirb ben Äünfilerberuf in be8 SBorteS ^öc^^ 
jlem Sinne oeteinigen mit bem (Slauben an bie ®e^ 
\S)iä)tt, ber bie ©egentoart nici^t t)on ftc^ au8|lö§t. 
er toirb a\i ein großer Äünfller ba8 menf^Uc^e Sc* 
ben felbfl aI8 eine ^Aufgabe für bie Äunjl betrad^ten, 
al8 einen ©egenjlanb, ben bie Äunjl gehalten unb 



83 

bitten foH, CT toirb bic Oegentoatt mS)t beflagcn, 
fonbem cntifitfcn, üerebcln, über ji(^ fcitrji erlj^cbcn* 
^te roaf)xt Äunji richtig Dctfianbcn unb ti^tig be^ 
grenjt toiU nici^tg anbereä al8 bie ©ci^önl^eit bie ben 
2Äcnf(|cn fä^ig ma^t für ba8 ^öci^fic. 3n bcr großen 
%jte]^ung beS Ttm\^tn%t\S)U6)t9 , bie tt)ir SBeltge*' 
fi^i^te nennen, tji bie Äunji bie SBittnerin, bie ieben 
tjortfi^tttt menfci^Iic^er ©eftttung bebingt, begünfiigt, 
t)oUenbet 6r wirb ber Äünfiler fein, ber al8 ein 
Sorbilb für Sitte ben poetif(|ien Seruf mit bem ge* 
fci^ici^tlic^en vereinigt unb naci^ ben SBorten l^anbelt, 
t)ie er felbfi ben ÄünfHern jurufl: „ber Tltx[\S)J)txt 
SBürbe ijl in eure ^anb gegeben, hma))xü jte! fte 
finft mit 6uc^, mit Suci^ tvirb jte fi^ lieben; ber 
S)i(|itung l^eilige SRagie bient einem tt)eifen älBelten* 
plant, jiitt lente fie jum Dceane ber großen Harmonie! " 
aWit biefem Sefenntnig fc^Iiept ©(Ritter feine (poe* 
tifci^en aBanberja^re: e8 iji ba8 ©elbftbelenntniB be8 
Äünjller?! 9lur ein S^^r liegt jtt)if(^en biefem 
SBefenntniß unb ben ®öttern ®ried^enlanb8; unb in 
iiefem einen 3a|)re ^at ftc^ feine SBeltanfc^auung 
mit ber ©efci^ici^te unb ber ®egentt)art auSgefö^nt 
unb ben legten 2Ri§flang, ber fie noci^ fiörte, ^armo* 
nif(^ gelöjl. 

6* 



84 

S)ie ®5ttei ©rie^enlanbS enben mit ber Jtlage 
über bie t>etgangene Q^bn^txt, über bie oerobete 
aSelt Unb bie ftün|ller beginnen mit einem Zn* 
ump]^ über bie lebenbe @$ön!^eit unb ))reifen bai 
iünglle JBerl ber (St\ä)i^tt al8 ba8 gelungenfie. 
Dort ^ei§en bie legten S33o'rte: „"^^a, fie leierten ^eim 
unb alles Q6)bnt, alleS ^o^t nal^men fie 
mit fort, aüe ^axitn, aüe 2eben8töne, unb un8 
blieb nur ba8 entfeelte S33ort!" — Unb l^ier lautet 
ba8 erfie: ,,S33ie \6)bn, o Sttenf^, mit beinern 
^almenjtoeige jle^ji bu an beS Sal^rl^un^ 
bertS Steige in ebler jioljer aWännli^Ieit, mit auf* 
gefci^lojfnem ®inn, mit ®eijie8fülle, üoü milben 
ernji'8, in t^tenrei(|ier®tille, berteif|le®o^nber3eitI" 

Um bie ganje Snttoidlung glei^fam ju mef[en, 
toelc^e ©filier in bem Decennium feiner SBanber* 
jal^re bur(|ilebt unb in feinen jpoetiftlien ©elbjlbelennt* 
nijfen abgefpiegelt ^at üerglei^en toir ben 9lnfang8* 
puntt mit bem 6nbe: ©ein er|le8 ©elbjibelenntni§ 
ftnb bie [Räuber, fein le^teS bie ftünjilerl Dort 
]^ei§t ba8 erjie SBort: „mir efelt Dor biefem tinten* 
fledffenben ©aculum!" ^ier lautet ba8 erjte: ,,toie 
fci^ön, SKenf^, mit beinem {palmenjtoeige, jleljijl bu 
an beS 3a|)r^unbert8 Steige!" 



.^ 



85 

6o gTo§ i{l ber ^bflanb 2tDif(|en bem bama^ 
ttgctt unb bem ie^igcn Dieter, ^n aDen {poejten 
btcfcr tlürmif^en 3eit l^at ©filier jt(| fettjl gefugt, 
barum toaten btefe {poeften ©clbjlbelcnntniffe: er l^at 
ji^ vergebens gefud^t im aBeltjlürmer ÜRoot, im 
aSJeltburget 5pofa, unb jule^t ^at et fi^ toirfli^ ge* 
fiinben im Äünjtler^ ^t^t ge|it ber Di(|iter im 
Äünjller auf, unb biefer fud^t aüein bie ©^önl^eit^ 
9lu8 bem ^i6)ttt toirb ber daffif(i^e Äünjller, ber, 
toaS er angreift, erl^ebt unb Derebelt. Durc^ baS 
aRaaJ ber ©(i^önl^eit l^at er bie ®r5§e gemilbert unb 
in iebem SBorte betoäl^rt, toaS i^im fein gro§er 
greunb in bie ©toigfeit na^gerufen: ,,unb i^inter 
t^m im toefenlofen ©(i^eine lag toaS un8 aUe bäm 
bigt — ba8 ©emeinel" 



XL 



3>4i fu$e na$ einem legten ©ettpefenntni^, 
ba8 un8 ben 3)i^ter ganj borflent, tt>ie er ge»efen 
unb geworben \% baS bem Ddmon ©c^iHerä fo a^n* 
li^ iji, aI8 feine Süfie öon S)annetfer, unb ic^ finbe 
feines, baS bie im Äünjller befriebigte Dici^terhaft 
großartiger auäfpric^t, aI8 toa? er furje ^dt t)or 
feinem Sobe gebid^tet: baS Setenntniß bet ^Poefle in 
ber ^ulbigung ber Äünfie. 68 finb biefelben 
SBorte, bie unfere erhabene ®ro5fürflin ber 
SBüjle beS Did^terä mitgegeben ^ai, bem bie 
Äaiferlici^e JJrau einen SRaum getoeil^t im 
i5ürflenf(|iloffe Don SBeimar: 



.v 



87 

ÜRii^ $&It fein fRanm, m{$ feffelt feine €c^ranfe, 

grei fi^toing' idj» mid!» bur(^ alle Fimmel fort, 

^tin nnerme§a^ [Reid^ ifi ber ®ebanfe 

Unb mein geflügelt SBerfaeng ifi baS SBi^rt. 

SBaS fidj» (etoegt in ^immel nnb anf drben, 

SBad bie 9latur tief im 93er6org*nen f^afft, 

(Dlug mir entftegelt unb entfdj^Ieiert »erbtn, 

2)enn ni^ts f^efd^ftfinft bie freie 2)i^terfraft. 

SDodSf ®4Bn're9 finb* i^ nidjft, fo (ang idSi to&^Ie, 

^U in ber fdj^dnen %oxm bie fdjfdne Seele! 



3 



Orud »on ®e(rüber iTal^ in 2)effan. 



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